Werk 002

Christian Gudehus über
Stanley Milgram
Das Milgram-Experiment
Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamkeitsbereitschaft gegenüber Autorität. Reinbek bei Hamburg 1974 (Rowohlt, 14. unveränderte Auflage 2004, US-Originalausgabe unter dem Titel „Obedience to Authority“ 1974).

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002 Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment


Stanley Milgram „Viele Versuchspersonen unseres Experiments waren in gewisser Hinsicht gegen das, was sie dem Schüler antaten, und viele protestierten, noch während sie gehorchten.“ (27). Letztlich gibt diese Erkenntnis des Sozialpsychologen Stanley Milgram, die sich eben aus den Ergebnissen des nach ihm benannten Experiments speist, sehr pragmatisch Auskunft darüber, was der Mensch ist, und berührt damit eine grundlegende Frage der Kulturwissenschaften. Seine berühmte, Anfang der 1960er Jahre in den USA durchgeführte, Versuchsreihe zeigt, dass es viel weniger als gerne erhofft die Persönlichkeit eines Menschen ist, die sein Verhalten moderiert, als vielmehr die jeweilige Situation und Akteurskonstellation, in der er sich befindet. Diese Differenz von Meinungen, Einstellungen und Verhalten ist eine Grunderkenntnis der Sozialpsychologie, die sich in einer Reihe von Studien etwa zur Delinquenz, zur Rollenübernahme oder zum Hilfeverhalten bestätigt hat. All diese Arbeiten sind übrigens in den USA zumeist in den 1960er Jahren als Reaktion auf erklärungsbedürftige gesellschaftliche Phänomene entstanden. Milgram selbst bezieht seine Forschung immer wieder auf die nationalsozialistischen Verbrechen, die er wesentlich mit Gehorsam erklärt. Gehorsam heißt nach seiner Definition, sich nicht mehr selbst verantwortlich für das eigene Handeln zu sehen. Wie Verantwortung abgegeben, verschoben und in einigen Fällen dann doch wieder übernommen worden ist, zeigte das dem Leitspruch Milgrams – „Einfachheit ist der Schlüssel zu erfolgreicher wissenschaftlicher Forschung“ (30) – folgende, denkbar simpel aufgebaute Experiment.
In seiner durch diverse filmische Reproduktionen
bekannten Grundvariante bestand die Anordnung aus drei Personen: einem Leiter, einem Schüler und einem Lehrer, der eigentlichen Versuchsperson.
Versuchsskizze Der Lehrer glaubte, an einer Studie zum Lernverhalten teilzunehmen. Seine Aufgabe war es, dem Schüler Fragen zu stellen und diesen im Falle von falschen Antworten mit sich im 15 Volt-Rhythmus bis hin zu 450 Volt steigernden Stromschlägen zu bestrafen. Die letzten Schockstufen waren neben der Voltangabe mit „Gefahr! Bedrohlicher Schock“ und schließlich „XXX“ beschriftet. Ab der 10. Stufe, also 150 Volt, möchte der natürlich nicht real geschockte, sondern schauspielernde hinter einer Wand verborgene, aber akustisch vernehmbare Schüler den Versuch abbrechen. Ab 270 Volt beginnt er vor Schmerz zu brüllen und ab 300 Volt verweigert er die Zusammenarbeit. Wenn Lehrer den Versuch abbrechen wollten, forderte der Versuchsleiter mit den stets gleichen vier aufeinanderfolgenden Formulierungen zum Weitermachen auf. Widerstanden die Lehrer auch der letzten Anweisung „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen“, wurde der Versuch abgebrochen. Entgegen Milgrams eigener Erwartung geschah dies in lediglich einem Drittel der Fälle.
Schockgenerator Durch insgesamt 18 Variationen des Experiments gelang es zweifelsfrei nachzuweisen, dass die Autorität des Versuchsleiters ausschlaggebend für Quote der Gehorsamen bzw. Ungehorsamen war. Wurde seine Position geschwächt, etwa durch einen zweiten ihm widersprechenden Versuchsleiter oder dadurch, dass er den Raum verließ und die Anweisungen telefonisch gab, sank die Quote der Gehorsamen drastisch. Die Wünsche der Schüler wurden übrigens auch dann im gleichen Maße ignoriert, wenn sie – jetzt im Gegensatz zum Versuchsleiter – eine Fortsetzung der Bestrafung forderten. Milgram untersuchte auch Gruppenkonstellationen. So arbeitete er mit drei Lehrern, von denen zwei in den Versuch eingeweiht waren und sich nacheinander weigerten, den Schüler weiter zu bestrafen. Diese erfolgreiche Verweigerung veranlasste die wirklichen Versuchspersonen, es ihnen gleichzutun. Diverse Wiederholungen des Experiments durch andere Forschergruppen bestätigten die Ergebnisse, ja übertrafen, wie im Falle Deutschlands, zum Teil deutlich die Gehorsamkeitsquote.

Heute überraschen diese hier nur angedeuteten Ergebnisse möglicherweise nicht mehr. Von Milgram über den Versuchsaufbau informierte Personen, unter denen auch Psychologen waren, erwarteten damals erheblich höhere Abbrecherquoten. Vor allem gingen sie davon aus, selbst recht früh aus dem Versuch auszusteigen. Diese Diskrepanz zwischen Erwartungen und den tatsächlichen Ergebnissen beruhte vor allem auf der dramatischen Überschätzung von allgemeinen Wertvorstellungen als tatsächliche Handlungsmotivationen. Die wenigsten Versuchspersonen handelten konfliktfrei, die meisten wollten zu irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr weiter machen; ihnen widerstrebte es, anderen Menschen zu schaden. Dass eine große Mehrheit es dennoch tat, lag vor allem daran, dass sie eben die Verantwortung für ihr Handeln anderen zuwiesen und somit auch die Entscheidung über falsch und richtig delegierten. Zugleich konstruierten sie für sich, wie nachträgliche Interviews erbrachten, einerseits Gründe, warum sie keine Verantwortung am Geschehen trugen (z. B. der Schüler habe doch eingewilligt oder der Schüler trage durch seine falschen Antworten selbst die Schuld an den Bestrafungen usf.). Andererseits entlasteten sie sich mit dem Hinweis, sie hätten ja widersprochen, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. Milgram polemisierte diese Aussagen nicht, sondern nahm sie als das, was sie sind, eben nicht unbedingt Lügen, sondern psychologische Mechanismen, die das Handeln entgegen eigener Moralvorstellungen möglich und ertragbar machten. Nach Milgram ist der Mensch folglich weniger ein Charakterwesen, das ausgehend von internalisierten Werten gut oder schlecht handelt. Menschliches Handeln ist vielmehr hochgradig bestimmt von permanenten Evaluationsprozessen sozialer Situationen, deren Kriterien, und das ist fundamental, überwiegend nicht bewusst sind und auf die somit nur sehr eingeschränkt Einfluss genommen werden kann. Damit liefern die Arbeiten Milgrams ebenso wie jene anderer Sozialpsychologen schon lange vor den jüngsten Thesen einiger Hirnforscher ungleich differenziertere Erkenntnisse zum Streit um die Willensfreiheit des Menschen.

Literatur:

Blass, Thomas (2004). The Man Who Shocked the World: The Life and Legacy of Stanley Milgram. New York, NY: Basic Books.

Blass, Thomas (2002). Perpetrator behavior as destructive obedience: An evaluation of Stanley Milgram's perspective, the most influential social-psychological approach to the Holocaust. In L. Newman & R. Erber (Eds.). Understanding genocide: The social psychology of the Holocaust. Oxford University Press.


Links:

Zeitgenössischer Fernsehbeitrag über das Experiment.

Wiederholung des Experiments in einer britischen Fernsehsendung aus dem Jahr 2007.

Wiederholung des Experiments mit einer computeranimierten Schülerin. Hier zeigt sich, dass die Teilnehmenden auf diese ähnlich wie auf Menschen reagierten.

Kunstprojekt von Rod Dickensen, unter anderem bestehend aus einem Nachbau des Labors.

"Abraham. Ein Versuch" ist eine filmische Umsetzung des Experiments zu Lehrzwecken aus dem Jahre 1971, produziert in Zusammenarbeit des Bayerischen Fernsehens mit Hans Lechleitner und David M. Mantell (Forschungsstelle für Psychopathologie und Psychotherapie der Max-Planck-Gesellschaft) unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Paul Matussek.

"The Tenth Level“, Spielfilm (USA, 1974) von Charles S. Dubin zum Experiment.

Im Spielfilm „I comme Icare“ (F, 1979) von Henri Verneuil wird das Experiment in einer längeren Szene nachgestellt.

Milgram Seite von Thomas Blass, eines seiner Biographen.

Russische Seite (auch in englisch und französisch) zum Gedenken an Stanley Milgram.
Kathrin Flaspöler, 01. Sep 2010 15:54