Werk 002
Christian Gudehus überStanley Milgram
Das Milgram-Experiment
Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamkeitsbereitschaft gegenüber Autorität. Reinbek bei Hamburg 1974 (Rowohlt, 14. unveränderte Auflage 2004, US-Originalausgabe unter dem Titel „Obedience to Authority“ 1974).
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Wir freuen uns!002 Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment
In seiner durch diverse filmische Reproduktionen
bekannten Grundvariante bestand die Anordnung aus drei Personen: einem Leiter, einem Schüler und einem Lehrer, der eigentlichen Versuchsperson.
Heute überraschen diese hier nur angedeuteten Ergebnisse möglicherweise nicht mehr. Von Milgram über den Versuchsaufbau informierte Personen, unter denen auch Psychologen waren, erwarteten damals erheblich höhere Abbrecherquoten. Vor allem gingen sie davon aus, selbst recht früh aus dem Versuch auszusteigen. Diese Diskrepanz zwischen Erwartungen und den tatsächlichen Ergebnissen beruhte vor allem auf der dramatischen Überschätzung von allgemeinen Wertvorstellungen als tatsächliche Handlungsmotivationen. Die wenigsten Versuchspersonen handelten konfliktfrei, die meisten wollten zu irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr weiter machen; ihnen widerstrebte es, anderen Menschen zu schaden. Dass eine große Mehrheit es dennoch tat, lag vor allem daran, dass sie eben die Verantwortung für ihr Handeln anderen zuwiesen und somit auch die Entscheidung über falsch und richtig delegierten. Zugleich konstruierten sie für sich, wie nachträgliche Interviews erbrachten, einerseits Gründe, warum sie keine Verantwortung am Geschehen trugen (z. B. der Schüler habe doch eingewilligt oder der Schüler trage durch seine falschen Antworten selbst die Schuld an den Bestrafungen usf.). Andererseits entlasteten sie sich mit dem Hinweis, sie hätten ja widersprochen, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. Milgram polemisierte diese Aussagen nicht, sondern nahm sie als das, was sie sind, eben nicht unbedingt Lügen, sondern psychologische Mechanismen, die das Handeln entgegen eigener Moralvorstellungen möglich und ertragbar machten. Nach Milgram ist der Mensch folglich weniger ein Charakterwesen, das ausgehend von internalisierten Werten gut oder schlecht handelt. Menschliches Handeln ist vielmehr hochgradig bestimmt von permanenten Evaluationsprozessen sozialer Situationen, deren Kriterien, und das ist fundamental, überwiegend nicht bewusst sind und auf die somit nur sehr eingeschränkt Einfluss genommen werden kann. Damit liefern die Arbeiten Milgrams ebenso wie jene anderer Sozialpsychologen schon lange vor den jüngsten Thesen einiger Hirnforscher ungleich differenziertere Erkenntnisse zum Streit um die Willensfreiheit des Menschen.
Literatur:
Blass, Thomas (2004). The Man Who Shocked the World: The Life and Legacy of Stanley Milgram. New York, NY: Basic Books.
Blass, Thomas (2002). Perpetrator behavior as destructive obedience: An evaluation of Stanley Milgram's perspective, the most influential social-psychological approach to the Holocaust. In L. Newman & R. Erber (Eds.). Understanding genocide: The social psychology of the Holocaust. Oxford University Press.
Links:
Zeitgenössischer Fernsehbeitrag über das Experiment.
Wiederholung des Experiments in einer britischen Fernsehsendung aus dem Jahr 2007.
Wiederholung des Experiments mit einer computeranimierten Schülerin. Hier zeigt sich, dass die Teilnehmenden auf diese ähnlich wie auf Menschen reagierten.
Kunstprojekt von Rod Dickensen, unter anderem bestehend aus einem Nachbau des Labors.
"Abraham. Ein Versuch" ist eine filmische Umsetzung des Experiments zu Lehrzwecken aus dem Jahre 1971, produziert in Zusammenarbeit des Bayerischen Fernsehens mit Hans Lechleitner und David M. Mantell (Forschungsstelle für Psychopathologie und Psychotherapie der Max-Planck-Gesellschaft) unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Paul Matussek.
"The Tenth Level“, Spielfilm (USA, 1974) von Charles S. Dubin zum Experiment.
Im Spielfilm „I comme Icare“ (F, 1979) von Henri Verneuil wird das Experiment in einer längeren Szene nachgestellt.
Milgram Seite von Thomas Blass, eines seiner Biographen.
Russische Seite (auch in englisch und französisch) zum Gedenken an Stanley Milgram.