Werk 006
Ronald Kurt überBronislaw Malinowski
Argonauten des westlichen Pazifik
Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Mit einem Vorwort von James George Frazer. Aus dem Englischen von Heinrich Ludwig Herdt. Herausgegeben von Fritz Kramer. Schriften in vier Bänden. Band 1. Frankfurt am Main: Syndikat. Titel der Originalausgabe: Argonauts of the Western Pacific. An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea. London: Routledge, New York: Dutton.
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Wir freuen uns!006 Bronislaw Malinowski: Argonauten des westlichen Pazifik
„ … den Standpunkt des Eingeborenen, seinen Bezug zum Leben zu verstehen und sich seine Sicht seiner Welt vor Augen zu führen“ (Malinowski 1979:49), das ist Malinowskis Leitmotiv zur Erforschung fremder Kulturen. Nur wer mit den Fremden lebt, kann ihren ‚way of life’ verstehen. Mit diesem kulturwissenschaftlichen Grundsatz hat Malinowski das Ende der imperial-ethnozentristischen Armchair-Anthropology und den Beginn der modernen ethnologischen Forschung eingeläutet. Teilnehmende Beobachtung, methodisch kontrollierte Datenerhebung und das Führen eines ethnographischen Tagebuchs gehören nunmehr zu den Standards sozialwissenschaftlicher Feldforschung. Malinowski hatte sich bei der Grundlegung seiner Methodik im ersten Kapitel der Argonauten ausdrücklich an den Idealen der Naturwissenschaften orientiert, um der Erforschung subjektiver Wirklichkeiten eine objektive Basis zu verschaffen. Malinowskis Methoden zur Erforschung des Fremden kommen heute nicht nur bei der Erforschung nichtwestlicher Gesellschaften zum Einsatz, sondern auch zunehmend bei der Erforschung westlicher Gesellschaften. Pluralisierte, multikulturelle Gesellschaften sind ideale Anwendungsgebiete für die Methoden, die Malinowski Anfang des 20. Jahrhunderts in Neuguinea zu entwickeln begann.Im damals österreichisch-ungarischen Krakau am 7. April 1884 geboren, lernt Bronislaw Kasper Malinowski nicht nur schnell, in vielen Sprachen zu sprechen (unter anderem Polnisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch); in seiner Studienzeit lernt er auch, in vielen wissenschaftlichen Disziplinen zu denken (Philosophie, Mathematik, Physik, Psychologie, Anthropologie, Ethnologie). Ausgestattet mit einem Stipendium der London School of Economics schiffte sich Malinowski 1914 nach Papua ein. Der Forschungsaufenthalt im britischen Neu-Guinea sollte nicht von Dauer sein, aber der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließ Malinowski nicht wirklich eine Wahl: er blieb (mit Unterbrechungen bis 1918).
Diesem, den Umständen geschuldeten, Bleiben ist es zu verdanken, dass Malinowski nach der ersten Forschungsphase, in der er den Kontakt mit den Einheimischen eher mied als suchte, mit seinen Möglichkeiten als Feldforscher zu experimentieren begann. Dass und wie er sich - eingebettet in ein Netz von Sicherheit und Komfort gewährleistenden kolonialen Bezügen - zunächst vom vertrauten Eigenen entfernen musste, um sich dem unvertrauten Fremden nähern zu können, hält Malinowski nicht für erwähnenswert. Er – der ‚Joseph Conrad der Anthropologie’ - zog es vor, sich in den Argonauten als einsamer Wissenschaftler zu heroisieren: „Versetzen Sie sich in die Situation, allein an einem tropischen Strand, umgeben von allen Ausrüstungsgegenständen, nahe bei einem Eingeborenendorf abgesetzt zu sein, während die Barkasse oder das Beiboot, das Sie brachte, dem Blick entschwindet“ (Malinowski 1979:26).
In seinen 1967, also 25 Jahre nach seinem Tod mit Genehmigung seiner Frau Valetta veröffentlichten privaten Tagebüchern, spricht Malinowski eine andere Sprache: „Ankunft in Neuguinea … Wir liefen in den Hafen ein und warteten auf den Arzt, einen dicken und unangenehmen schwarzhaarigen Mann. Ich ließ meine Sachen in der Kajüte und ging mit Mrs. McGrath an Land. Besuchte Mrs. Ashton, dann Mr. Champion – rief den Gouverneur an“ (1985:17). Wie dem auch sei, Malinowski merkte jedenfalls schnell, dass kolonialistische Distanz hier nicht weiter helfen würde. Die Mängel der herkömmlichen Methoden machten Malinowski erfinderisch. Er lernte die Sprache der Eingeborenen, nahm Anteil an ihrem Leben und ließ sein Zelt neben ihren Hütten aufbauen (vgl. Malinowski 1979:39).
Gemäß seiner Anatomiemetapher zerlegte er die Stammesgesellschaft der Trobiander in Skelett (Institutionen, materiale Kulturprodukte), Fleisch und Blut (soziale Praxis) und Geist (Erzählungen, typische Äußerungen der Eingeborenen), um vor dem Hintergrund dieser analytischen Unterscheidungen die Reziprozitätsstruktur der Tauschhandlungen zu rekonstruieren, die den alljährlichen Kula als Handelsring der Südseeinsulaner konstituieren. Parallelen zwischen dem Kula-Ring und dem griechischen Argonauten-Mythos veranlassten Malinowski dazu, die Trobriander als Argonauten der Südsee zu bezeichnen. (Mit Andersheit aufhebenden Vereinnahmungen wäre man heute freilich vorsichtiger.)
Ob Malinowski eine angemessene Analyse der Kultur der Trobriander gelang, ist fraglich. Die Trobriander, denen Malinowski eine abstrakte Analyse ihrer sozialen Praxis nicht zutraute, konnten sich jedenfalls in den Beschreibungen Malinowskis nur teilweise wieder erkennen. Bei der gemeinsamen Lektüre der Argonauten mit den Trobriandern stellte der katholische Missionar Father Baldwin fest, dass es zwischen Malinowskis Trobrianderbild und dem Selbstbild der Trobriander deutliche Differenzen gab. Malinowski war sich seiner Macht als Autor wohl bewusst: „Feeling of Ownership: It is I who will describe them or create them“ (Malinowski 1967:140) -, eine zufrieden stellende Balance zwischen dem Konstruktcharakter seines Schreibens und dem Konstruktcharakter des von ihm Beschriebenen hat Malinowski in den Argonauten allerdings nicht gefunden. Auch das Dialogische im Verhältnis von Forscher und Erforschten bleibt in der monologischen Darstellungsform Malinowskis unsichtbar. Mit dem unbescheidenen Anspruch, dass allein der Ethnograf aufgrund seiner subjektiven Innen- und objektiven Außenperspektive zu einer unverfälschten Erfassung des Stammesleben in der Lage sei, hat Malinowski das seiner Ära folgende Diskursgewitter im Grunde selbst heraufbeschworen. Die Einschläge haben die Diskurslandschaft ordentlich durcheinander gewirbelt: ‚Die Krise der Repräsentation’, ‚Writing Culture’, ‚Orientalismus’, ‚Postkolonialismus’, ‚postmoderner Dekonstruktivismus’, ‚Writing back’.
Zum tieferen Verständnis dieser immer noch aktuellen Debatten ist es notwendig auf Malinowski zurückzugehen. Hin und her gerissen zwischen geisteswissenschaftlichem und naturwissenschaftlichem Denken, zwischen empirischen Fakten und literarischer Fiktion, zwischen kolonialen und humanistischen Attitüden fand Malinowski den „Mut, dem Anderen als Gleichem gegenüberzutreten“ (Fritz Kramer, Nachwort in Malinowski 1979:566), um sich so über den Fremden nicht nur dem Eigenen, sondern auch anderen Möglichkeiten menschlichen Seins zu nähern. Fürwahr eine Pionierarbeit im Bereich Kulturvergleich. Später, in seiner funktionalistischen Phase, ist Malinowski die fruchtbare Spannung zwischen ethnografischer Praxis und sozialwissenschaftlicher Theorie abhanden gekommen.
Zurück zu den Argonauten des westlichen Pazifik: Dieses Buch Malinowskis ist ein idealer Nullpunkt, um kulturwissenschaftlichem Denken Orientierung zu geben: nicht um Malinowskis Lösungen zu übernehmen, sondern um von ihm aus die Grundprobleme kulturwissenschaftlicher Forschung immer wieder von Neuem anzugehen.
Literatur:
Malinowski, Bronislaw (1967): A Diary in the Strict Sense of the Term. London: Routledge & Kegan Paul.
Malinowski, Bronislaw (1985): Ein Tagebuch im strikten Sinn des Wortes. Neuguinea 1914-1918. Mit einem Vorwort von Valetta Malinowska und einer Einleitung von Raymond Firth. Übersetzt von Nils Thomas Lindquist. Schriften in vier Bänden. Band 4. Frankfurt am Main: Syndikat.