KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

“Never let a crisis go to waste“ - Zur Zukunft Europas


Marcel Siepmann, Jens Geier und Volker Heins im Gespräch mit dem Publikum über die Zukunft Europas
© KWI, Foto: Georg Lukas
Mit dem englischen Sprichwort „Never let a crisis go to waste“ eröffnete Moderator Volker Heins die Debatte über Folgen der Flüchtlingsbewegung sowie Erosionserscheinungen der EU. Seine These: „Wir beobachten wahrscheinlich ein Ende der EU als europäischer Wertegemeinschaft, wie wir sie kennen.“ Auf Einladung der Essener Europa-Union, vertreten vom ehemaligen KWI-Fellow Marcel Siepmann , stieß der Europa-Abgeordnete Jens Geier (SPD) am Donnerstagabend vor dem fast voll besetzten Gartensaal auf ein diskussionsfreudiges Publikum. Die anstehenden Wahlen in Frankreich und NRW, der Brexit – all diese Themen bewegten die interessierten wie paragraphenfesten Besucher. Seit 2009 ist der Essener Jens Geier Abgeordneter im EU-Parlament. Als stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses kennt er sich bestens aus mit den Kosten der Flüchtlingsbewegung seit 2015. Für ihn steht fest: „Europa braucht Zuwanderung, zudem ist es humanitäre Aufgabe der reicheren Staaten, dass das Mittelmeer nicht zum Massengrab wird.“ Siepmann wagte den Vorschlag, den Ländern des arabischen Frühlings eine Beitrittsperspektive zu eröffnen. Auch für Geier steht fest: „Wir können nur gut und sicher leben, wenn es unseren Nachbarn besser geht“, für ihn bedeutet das aber vorrangig eine einheitliche EU-Außen- und Sicherheitspolitik, die wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für die Herkunftsländer, einen kulturellen Austausch sowie liberalere Einreise- und Reisemöglichkeiten beinhaltet. Auch fordert er mehr Solidarität der Staaten untereinander, um mit solchen Flüchtlingsbewegungen besser umgehen zu können. Den Politologen Volker Heins trieb vor allem der Wertewandel innerhalb der Gemeinschaft um. Er monierte klare Demokratiedefizite bei Mitgliedsstaaten wie Ungarn und Polen sowie Beitrittskandidaten wie der Türkei. Geier schloss sich seiner Ansicht an, dass die Staatengemeinschaft klarere Sanktionen brauche: „Wer keine Flüchtlinge aufnehmen will, muss sich zukünftig finanziell beteiligen. Das muss unser Ziel sein.“ Eine Möglichkeit sieht er auch darin, einem Staat das Stimmrecht im Rat zu entziehen, doch dafür brauche es den Mumm und den Zusammenhalt der restlichen 27 Staaten. Für die Türkei sieht er keine Beitrittsperspektive mehr. Auch den Rückschritt hin zu einer reinen Wirtschaftsgemeinschaft möchte Geier ausschließen. Für ihn können globale Probleme wie Flüchtlingsbewegungen nicht mehr nationalstaatlich gelöst werden, sondern nur noch gemeinsam.
Miriam Wienhold, 28.04.17
 

Der Prager Sound - Von europäischen Zeitschriften


Moderator des Abends Claus Leggewie mit Patrick Eiden-Offe und Roman Léandre Schmidt (v. l.)
© KWI, Foto: Georg Lukas
Wie prägen Zeitschriften ein europäisches Bewusstsein? Und aus welchen transnationalen Diskursen gehen europäische Zeitschriften hervor? Der Historiker und KWI-Fellow Roman Léandre Schmidt und der Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe (ZfL) nähern sich der kulturwissenschaftlichen Zeitschriftenforschung auf unterschiedliche Weise. Ihr Kerninteresse gilt den literarisch-politischen Zeitschriften. Im Gartensaal des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) stellten sie am Dienstag ihre jüngst zum Thema erschienen Bücher vor. Eiden-Offe befasst sich in „Poesie der Klasse“ (Matthes und Seitz, 2017) mit den frühsozialistischen Zeitschriften des Vormärz und ergründet, wie die damaligen „Arbeiterjournale“ das proletarische Klassenbewusstsein prägten. Nach seinen Erkenntnissen haben diese Zeitschriften als Zentralorgane der Arbeiterbewegung diese erst als gesellschaftliche Gruppe mit hervorgebracht, geprägt und weiterentwickelt. Dabei ist die Arbeiterbewegung für ihn ein transnationales Phänomen, ausgehend von Paris über England hin zu Deutschland. Roman Léandre Schmidt seinerseits veröffentlichte diese Woche seine Studie „Lettre International. Geschichte einer europäischen Zeitschrift“, in der er sich mit der Zeitschrift und ihrer Geschichte auseinandersetzt. „Lettre“ ist ein publizistisches Nachleben des Prager Frühlings, sein Gründer Antonin Liehm floh nach dem niedergeschlagenen Aufstand 1968 nach Paris und exportierte den „Prager Sound“ in den Westen. Hier unternahm er mehrere Anläufe, bis ihm schließlich 1984 ein intellektueller Umbruch in Frankreich zum Erfolg verhalf: Er gründete die literarisch-politischen „Lettre International“, in der „die besten Essays und elegantesten Reportagen“ aus Europa in mehreren Ländern zugänglich gemacht werden sollen. „Lettre“ erschien erfolgreich in mehreren europäischen Ländern: in Frankreich bis 1993, in anderen Ländern, darunter in Deutschland, dank starker lokaler Herausgeberpersönlichkeiten bis heute. Für Schmidt liegt der Reiz von Lettre als europäischer Zeitschrift nicht zuletzt auf dem von Liehm praktizierten redaktionellen System „50:25:25“: 50% der Artikel im Lettre-Netzwerk sollten aus dem Zentralpool der Zeitschrift kommen und in allen Länderausgaben erscheinen. 25% würden unter den Ländern gegenseitig ausgetauscht, die restlichen 25% der Artikel wären länderspezifische Berichte. So entstehe ein „Europabild von einander überlappenden Flächen“, so Schmidt. Für ihn ist das „Lettre-Modell“ sinnbildlich für Europa: Eine gemeinsame Anstrengung werde individuell in den verschiedenen Ländern umgesetzt.
Miriam Wienhold, 27.04.17
 
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