KWI- Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Für eine unabhängigere Lebensmittelproduktion - Valentin Thurn zu Gast

CineScience zu Nachhaltiger Ernährung mit Steven Engler, Valentin Thurn, Armin Flender und Stefan Schweiger (v. l.)
© KWI, Foto: Georg Lukas
„Wir haben die Wertschätzung für unser Essen verloren.“ Diese traurige Wahrheit stellte Filmemacher Valentin Thurn vergangene Woche an den Anfang seines Abends über Nachhaltige Ernährung. Auf Einladung von KWI-Fellow Steven Engler kam er für eine Sonderausgabe „CinceScience“ im Rahmen des Essener Wissenschaftssommers ins beliebte Filmstudio Glückauf. Mitgebracht hatte er Ausschnitte aus seinen Filmen „Taste the Waste“ und „10 Milliarden“. Je zwei Ausschnitte stellte er dabei exemplarisch gegeneinander und erläuterte sie mit Engler und dem Moderator Stefan Schweiger (KWI). „Taste the Waste“ dokumentiert erschreckend deutlich, wie weit unsere Lebensmittelverschwendung fortgeschritten ist: „Was betriebswirtschaftlich Sinn macht, ist gesamtgesellschaftlich eine Katastrophe“, so Thurn. Täglich wird ein Viertel der Tagesmenge gebackenen Brots beispielsweise weggeworfen, eine bewusste Überproduktion ist üblich, ganz zu schweigen vom Umgang mit Supermärkten und Verbrauchern mit vermeintlich „abgelaufener“ Ware. Auch mit der Mär, dass Tafeln kein abgelaufenes Essen übernehmen dürften, räumte Thurn auf. Eine Möglichkeit gegen die Verschwendung wäre ein günstigerer Abverkauf, doch hier sahen Thurn und Engel vor allem staatliche Regulierungen in der Pflicht. Gesetze wie in Frankreich und Belgien, wo es nun verboten ist, noch essbare Lebensmittel wegzuwerfen, müssten staatlich gewollt sein. Auch das so oft missverstandene „Mindesthaltbarkeitsdatum“ sei auf einfachste Weise abzuschaffen und durch ein „Verbrauchsdatum“ zu ersetzen, entsprechende Gesetzesentwürfe gäbe es längst. Dass sie dennoch noch immer nicht umgesetzt wurden, liegt für Thurn klar an der starken Lobby der Lebensmittelhersteller. Auch dass das sogenannte „Containern“ noch immer strafbar ist, war für Publikum und Referenten unverständlich. Thurns Film „10 Milliarden“ öffnete noch einmal einen neuen Blick auf Möglichkeiten, Hunger zu verhindern. Dabei betonte Thurn, dass Lösungen für Europa, wie eine vegetarische Lebensweise, auf Entwicklungsländer oftmals nicht übertragbar seien. Hier müssten andere Ansätze gefunden werden, denn zwei Drittel der Hungernden seien immer noch Kleinbauern. Sein Film stellte differenziert Fluch und Segen neuer Hybridsaatgute für Kleinbauern in Asien und Afrika gegenüber. Fazit seiner Filme war, dass nicht immer mehr Nahrung produziert werden sollte, sondern der Zugang zu bezahlbarer Nahrung der Schlüssel wäre, um Unterernährung, Lebensmittelverschwendung und negativen Folgen für das globale Klima entgegen zu treten. Thurn sprach sich aus, mehr Unabhängigkeit in der Lebensmittelproduktion zu fördern, sei es für Hersteller, Bauern in Entwicklungsländern oder beim „Urban Gardening“, das Lebensmittel mitten in der Stadt für alle zugänglich anbietet. Der renommierte Filmemacher wird im November noch einmal Gast am KWI sein und über nachhaltige Ernährung diskutieren.
Miriam Wienhold, 21.07.17
 

Die neue Plattformökonomie - Abschlusstagung des Projekts FinShare


Das Tagungsteam zum Abschluss des FinShare-Projekts
© KWI, Fotos: Georg Lukas
In jüngster Zeit erfreuen sich digitale Plattformen, die das Teilen von Sach- und Dienstleistungen – getreu dem Motto „Nutzen statt Besitzen“ – ermöglichen, immer größerer Beliebtheit. Besonders die plattformvermittelte Vermietung privater Unterkünfte (Airbnb), aber auch verschiedene Varianten des Carsharing sind mittlerweile vielen Personen zumindest bekannt. Neben diesen Plattformen der „Ökonomie des Teilens“ (Sharing Economy) existieren auch Online-Plattformen, mit deren Hilfe man sich – gemeinsam mit vielen anderen, also im Sinne eines Schwarms – finanziell an einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Projekte beteiligen kann. Versuchsweise lassen sich diese Crowdfunding-Plattformen daher auch dem Bereich der „Ökonomie der Beteiligung“ (Share Economy) zuordnen. Das vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) geförderte Vorhaben „Bürgerbeteiligung in der Share Economy am Beispiel der Finanzmärkte“ (FinShare) hat sich zum Ziel gesetzt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden digitalen Teilbereiche zu untersuchen, um den Chancen und Risiken der Digitalisierung und Plattformisierung der Wirtschaft verbraucherpolitisch adäquat begegnen zu können.
Dieses Ziel verfolgte auch die interdisziplinäre Abschlusstagung des FinShare-Projekts mit dem Titel „Ökonomie der Beteiligung und des Teilens, die am 14. Juli im Gartensaal des KWI unter Leitung von Patrick Linnebach stattfand. Acht Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Forschungsbereichen kamen zusammen, um sich in drei Sessions in Form von Referaten und Korreferaten über die „Ökonomie der Beteiligung“ und die „Ökonomie des Teilens“ sowie mögliche Regulierungsansätze auszutauschen. Dieser Austausch wurde durch ein interessiertes und aktives Publikum bereichert, sodass sich die Tagung in vielerlei Hinsicht als erkenntnisreich erwies – nicht zuletzt dahin gehend, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der „Plattformökonomie“ erst begonnen hat und weiterer Forschungsbedarf besteht, wenn man davon ausgeht, dass begriffliche Klarheit Grundvoraussetzung einer adäquaten verbraucherpolitischen Auseinandersetzung ist. Die zentralen Ergebnisse des FinShare-Projekts werden in Kürze auch hier nachzulesen sein.
Miriam Wienhold, 20.07.17
 
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