Lesart: Beispiel Mali. Was man für ein verwundetes Land tun kann

v.l.n.r. Charlotte Wiedemann, Henner Papendieck, Claus Leggewie, Tobias Debiel
© KWI, Foto: Georg Lukas
Mali gehörte einst zu den Zentren islamischer Wissenschaft und Kultur. Heute leidet das westafrikanische Land unter Armut und Abhängigkeit, in der jüngeren Vergangenheit wurde es außerdem durch Rebellion und Krieg geschwächt. Zur komplexen Situation in Mali äußerten sich in der Reihe Lesart am 13.10. im Gespräch mit KWI-Direktor Claus Leggewie die Autorin und Journalistin Charlotte Wiedemann, der Ökonom und Entwicklungshelfer Henner Papendieck sowie Tobias Debiel, Direktor des Käte Hamburger Kollegs Duisburg und Spezialist für Fragen humanitärer Intervention.
Thematisiert wurden die Schwierigkeiten einer nachhaltigen Entwicklungshilfe, die Folgen der französischen Intervention vor anderthalb Jahren und der Umgang mit den Tuareg im Norden des Landes. Papendieck erläuterte, wie nach dem Ende des Gaddafi-Regimes in Libyen erfahrene Tuareg-Söldner nach Mali zurückgekehrt waren und moderne Waffen mitbrachten. Der eigentliche Konflikt im Land schwelt seit Jahrzehnten, die Nomaden streiten unter anderem für mehr Autonomie, verfolgen teilweise aber auch schlicht kriminelle Interessen. Charlotte Wiedemann, Autorin des jüngst erschienenen Buchs „Mali oder das Ringen um Würde. Meine Reise in einem verwundeten Land“ (Pantheon Verlag, München 2014), betonte, dass die Tuareg, die für viele Europäer das Bild von Mali prägen, letztlich nur zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten. Ihre Miliz sei eine „Minderheiten-Miliz mit geschäftlichen Interessen“. Um das Land zu stabilisieren kommt nach Einschätzung von Tobias Debiel nur eine Fortsetzung dezentraler Politik in Frage. Charlotte Wiedemann wünscht sich für Mali außerdem weniger Entwicklungshilfe und mehr internationale Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Die ganze Diskussion können Sie hier nachhören. Das KWI veranstaltet die Reihe Lesart gemeinsam mit dem Deutschlandradio Kultur, der Buchhandlung Proust und dem Schauspiel Essen.
Helena Rose, 20.10.14
 

Neuerscheinung: „Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven“

Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven
Das Verhältnis von Soziologie und Nationalsozialismus besitzt zwei Dimensionen: Die soziologische Analyse des Nationalsozialismus und die fachhistorische Perspektive. Letztere differenziert sich wiederum in fachliche Aktivitäten zwischen 1933 und 1945 auf der einen und den Umgang deutscher Soziologinnen und Soziologen mit der NS-Verstrickung ihres Faches auf der anderen Seite. Mit der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), dem deutschen soziologischen Fachverband, haben sich in dem von Michaela Christ und Maja Suderland herausgegebenen Band „Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven“ (Suhrkamp, Frankfurt 2014), Henning Borggräfe und Sonja Schnitzler auseinandergesetzt. Sie arbeiten die Hintergründe der Stilllegung der DGS nach deren „Selbstgleichschaltung“ heraus und zeigen in einem weiteren Schritt, dass – entgegen der fachöffentlichen Wahrnehmung seit dem Beginn der 1980er Jahre – das Thema NS-Belastung verbandsintern verhältnismäßig rege diskutiert wurde. Dabei wandelten sich im Laufe der Jahre die Vorstellungen dessen, was als belastend galt. Die nun vorliegende Studie geht zurück auf die ersten Ergebnisse des von Hans-Georg Soeffner geleiteten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts „Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als Organisationsgeschichte – Von den sozialwissenschaftlichen Diskursnetzwerken der Gründerjahre bis 1989“, das seit 2012 am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) angesiedelt ist.
Verena Schreiber, 16.10.14
 
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