Projektbereiche

Projekt Referenzrahmen des Krieges

Leitung: Prof. Dr. Sönke Neitzel, Prof. Dr. Harald Welzer

Förderer: Gerda Henkel Stiftung in Zusammenarbeit mit der Universität Mainz
Laufzeit: 10/2007 - 09/2011

AbgehörtDie Bücher über den Zweiten Weltkrieg füllen kilometerlange Regale. Schlachten, Feldzüge und unfaßbare Verbrechen sind vielfach beschrieben worden. Auch die Erinnerung an die Zeit von 1939 bis 1945 ist mittlerweile gut erforscht. Dennoch gibt es noch immer große Wissenslücken: Wie die Zeitgenossen damals Krieg und Politik wahrgenommen haben, wie sie über ihn dachten, ihn deuteten, ist kaum bekannt. Tagebücher stehen nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung, Briefe sind in ihrem Aussagewert meist sehr beschränkt.

Das von dem Mainzer Zeithistoriker Prof. Dr. Sönke Neitzel und dem Essener Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom geleitete Projekt, das von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert wird, rekonstruiert nun erstmals umfassend, wie deutsche und italienische Soldaten den Krieg wahrgenommen haben, als er geschah, indem es einen von der Forschung noch nicht genutzten Quellenkorpus auswertet: die Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher und italienischer Kriegsgefangener in britischem Gewahrsam, die in den Jahren 1940 bis 1943/45 entstanden sind. Dieser ungeheuer facettenreiche, rund 50.000 Seiten umfassende, Bestand wird mit dem interdisziplinären Ansatz der Referenzrahmenanalyse erschlossen und ausgewertet.

Das Wissen um die Wahrnehmung der totalitären politischen Systeme in Deutschland und Italien, der Kriegsverbrechen, der Binnenstrukturen der Armeen, der Kriegsgegner, aber auch des erwarteten bzw. befürchteten Kriegsverlaufs und der Nachkriegsfolgen kann anhand dieser Quellen ganz erheblich erweitert werden. Damit erhält die Forschung einen vertieften Einblick in die Art und Weise, wie Menschen Extremerfahrungen von Krieg und Diktatur wahrnehmen und interpretieren - und dies in international vergleichender Perspektive. Das Projekt wird damit einen entscheidenden Beitrag für die Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkriegs liefern.

Publikationen:

2012
Amedeo Osti Guerrazzi
Die Granatieri Division in Slovenien 1941-1942.
In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2012.

2011
Richard Germann
Angezapftes Wissen. Abgehörte Gespräche „österreichischer“ Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehöriger in britischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft.
In: Helmut Konrad u.a. (eds.): Terror und Geschichte. Wien: Böhlau 2011.

Christian Gudehus
„Wenn wir den Krieg verlieren, wird Deutschland eine französische Kolonie sein.” – Zukunftsvorstellungen deutscher Soldaten in britischer Kriegsgefangenschaft.
In: Jens Kroh & Sophie Neuenkirch (eds.): Erzählte Zukunft. Zur inter- und intragenerationellen Kommunikation über Zukunftserwartungen. Göttingen: Wallstein 2011.

Harald Welzer, Sönke Neitzel & Christian Gudehus (eds.)
"Der Führer war wieder viel zu human, zu gefühlvoll." Der Zweite Weltkrieg aus Sicht deutscher und italienischer Soldaten.
Frankfurt/M.: S. Fischer.

Sönke Neitzel
Die Banalität des Krieges. Anmerkungen zu den Wahrnehmungen und Deutungen deutscher Soldaten im Totalen Krieg.
In: Helmut Konrad u.a. (eds.): Terror und Geschichte. Wien: Böhlau 2011.

Sönke Neitzel & Harald Welzer
Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben.
Frankfurt/M.: S. Fischer.

Felix Römer
Die Wehrmacht und der Kommissarbefehl: Neue Forschungsergebnisse.
In: Militärgeschichtliche Zeitschrift 70 (2011), H. 1.

Dietmar Rost
Gewaltdynamiken im Spiegel von Kriegsbriefen. Eine Analyse von Briefen Mike Ransoms und anderer US-amerikanischer Soldaten aus dem Vietnamkrieg.
In: Forum qualitative Sozialforschung 2011.

2010
Amedeo Osti Guerrazzi
Noi non sappiamo odiare. L'esercito italiano tra fascismo e deocrazia. Utet Libreria: Torino.

Felix Römer
„Das Geheimnis von P.O. Box 1142“
In: SPIEGEL ONLINE, 4. Januar 2010.

2005
Sönke Neitzel
Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945.
Berlin: Propyläen.