Projektbereiche
Projekt Referenzrahmen des Helfens
Leitung: Prof. Dr. Harald Welzer, Prof. Dr. Johannes Tuchel
Gefördert durch die Volkswagenstiftung in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte deutscher Widerstand
Untersuchungen zu Phänomenen extremer kollektiver Gewalt, wie sie Massenmorde im Kontext von Bürgerkriegen, Völkermorde und insbesondere der Holocaust darstellen, konzentrieren sich in erster Linie auf die Ursachen und Entstehungsbedingungen von Gewaltprozessen und auf das Handeln der Täter. Dagegen sind die Motive derjenigen, die sich in Situationen extremer Gewalt oder Gewaltandrohung dafür entscheiden, sich dem Töten zu verweigern und/oder zu Helfern oder Rettern von potentiellen Opfern zu werden, bislang von der Forschung überraschend wenig beachtet worden.
Wissenschaftliche Forschung über Personen, die zu Helfern und Rettern wurden, sich also entweder kollektiven Gewaltprozessen entzogen und sich so nach Maßgabe der zeitgenössischen Normen abweichend verhielten oder unter Bedingungen von Besatzung und Militärherrschaft sich und ihre Angehörigen außerordentlichen Gefahren aussetzten, liefert nicht nur wichtige Aufschlüsse über biographische, sondern auch über soziale und situative Bedingungen und Ressourcen für prosoziales Verhalten unter restriktiven Bedingungen.
Vor diesem Hintergrund setzt sich das Projekt in historisch-sozialpsychologischer Perspektive mit dem Verhalten von Helfern und Rettern auseinander, indem es quantitative und qualitative Analysen von umfangreich vorliegenden Falldaten vornimmt. Da dispositionelle Forschungszugänge, die Persönlichkeitsmerkmale der Akteure ins Zentrum ihrer Analysen stellen, sich als wenig erklärungsträchtig erwiesen haben, wird hier ein figurations- und referenzrahmenanalytischer Ansatz verfolgt, mit dem die Handlungssituationen der Akteure sowie ihre Situationswahrnehmungen, Hintergrundannahmen und wahrgenommenen sozialen Verpflichtungen rekonstruiert werden können. Dieser Ansatz verlangt ein interdisziplinäres Vorgehen, das historische, sozialpsychologische und soziologische Kompetenz zusammenführt.
Dabei kann das Projekt auf einzigartig umfangreiches Fallmaterial zu „Judenrettern“ zugreifen, das vom Zentrum für Antisemitismusforschung erhoben wurde und inzwischen bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand archiviert ist.
Weitere Informationen:
Projektwebseite Center for Interdisciplinary Memory Research