Projektbereiche

Projekt Referenzrahmen des Helfens

Leitung: Prof. Dr. Harald Welzer, Prof. Dr. Johannes Tuchel

Förderer: Volkswagenstiftung in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte deutscher Widerstand
Laufzeit: Dezember 2007 bis Dezember 2011

Untersuchungen zu Phänomenen extremer kollektiver Gewalt, wie sie Massenmorde im Kontext von Bürgerkriegen, Völkermorde und insbesondere der Holocaust darstellen, konzentrieren sich in erster Linie auf die Ursachen und Entstehungsbedingungen von Gewaltprozessen und auf das Handeln der Täter. Dagegen sind die Motive derjenigen, die sich in Situationen extremer Gewalt oder Gewaltandrohung dafür entscheiden, sich dem Töten zu verweigern und/oder zu Helfern oder Rettern von potentiellen Opfern zu werden, bislang von der Forschung überraschend wenig beachtet worden.

Wissenschaftliche Forschung über Personen, die zu Helfern und Rettern wurden, sich also entweder kollektiven Gewaltprozessen entzogen und sich so nach Maßgabe der zeitgenössischen Normen abweichend verhielten oder unter Bedingungen von Besatzung und Militärherrschaft sich und ihre Angehörigen außerordentlichen Gefahren aussetzten, liefert nicht nur wichtige Aufschlüsse über biographische, sondern auch über soziale und situative Bedingungen und Ressourcen für prosoziales Verhalten unter restriktiven Bedingungen.

Vor diesem Hintergrund setzt sich das Projekt in historisch-sozialpsychologischer Perspektive mit dem Verhalten von Helfern und Rettern auseinander, indem es quantitative und qualitative Analysen von umfangreich vorliegenden Falldaten vornimmt. Da dispositionelle Forschungszugänge, die Persönlichkeitsmerkmale der Akteure ins Zentrum ihrer Analysen stellen, sich als wenig erklärungsträchtig erwiesen haben, wird hier ein figurations- und referenzrahmenanalytischer Ansatz verfolgt, mit dem die Handlungssituationen der Akteure sowie ihre Situationswahrnehmungen, Hintergrundannahmen und wahrgenommenen sozialen Verpflichtungen rekonstruiert werden können. Dieser Ansatz verlangt ein interdisziplinäres Vorgehen, das historische, sozialpsychologische und soziologische Kompetenz zusammenführt.

Dabei kann das Projekt auf einzigartig umfangreiches Fallmaterial zu „Judenrettern“ zugreifen, das vom Zentrum für Antisemitismusforschung erhoben wurde und inzwischen bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand archiviert ist.

Publikationen:

2012
Susanne Beer
Good Germans in Collective Memory. Public references on Helpers of Jews in West Germany’s Postwar History.
In: Pol O Dochartaigh & Christiane Schönfeld (eds.): Representing the Good German in Literature and Culture. London: Camden House (forthcoming).

2011
Marten Düring
Das Dilemma zwischen Effizienz und Sicherheit. Über die Beziehungen zwischen Verfolgten des Nationalsozialismus und ihren Helfern.
In: informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, Nr. 73, June 2011.

Marten Düring
Hilfe für Verfolgte während des Nationalsozialismus: Ein systematischer Vergleich von Egonetzwerken.
In: Michael Schönhuth, Markus Gamper, Michael Kronenwett & Martin Stark (eds.): Vom Papier zum Laptop? Perspektiven elektronischer Tools zur partizipativen Visualisierung und Analyse sozialer Netzwerke. Bielefeld: Transcript (Forthcoming).

Harald Welzer & Susanne Beer
Sozialpsychologische Anmerkungen zur Widerstandsforschung.
In: Informationen. Wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, 73, p. 6-10.

Susanne Beer & Marten Düring
Hilfe für jüdische Verfolgte im Nationalsozialismus. Biographische und sozialstrukturelle Zugänge am Beispiel der Berliner Helferin Ruth Andreas-Friedrich.
In: Medaon - Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 9.


2010
Susanne Beer
Helene Jacobs und die „anderen Deutschen“. Zur Rekonstruktion von Hilfeverhalten für Juden im Nationalsozialismus.
In: Brigitta Schmidt-Lauber & Gudrun Schwibbe (eds.): Alterität. Erzählen vom Anderssein. Göttingen: Schmerse (Göttinger kulturwissenschaftliche Studien, 4), p. 85–110.

Webseite: www.memory-research.de