Projektbereiche

Projekt Die Dynamik des Tötens. Über die Ermordung der Berditschewer Juden, Ukraine 1941-1944.

Leitung: Prof. Dr. Harald Welzer

Förderer: Hans-Böckler-Stiftung

Vor dem Zweiten Weltkrieg galt die ukrainische Stadt Berdychiv als eines der wichtigsten religiösen und kulturellen Zentren jüdischen Lebens in Osteuropa. Mehr als ein Drittel der rund 65.000 Einwohner zählenden Stadt waren Juden. Im Juni 1941 überfielen deutsche Truppen die Sowjetunion. Knapp vier Monate später waren nur noch einige Hundert jüdischer Einwohner in Berditschew am Leben. Mindestens 18.000 Menschen, die nicht rechtzeitig hatten fliehen können, waren während der ersten Monate unter deutscher Besatzung erschossen worden.

Anders als die überwiegende Mehrzahl der Juden aus Westeuropa wurden die ukrainischen Juden nicht verschleppt, deportiert, in Ghettos gesperrt oder in Konzentrationslagern ermordet. Vielmehr starben die meisten von ihnen bei Massenerschießungen auf freiem Feld in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren Heimatorten. Etwa 1,5 Millionen jüdische Frauen, Kinder und Männer wurden am Rand zahlloser ukrainischer Städte und Dörfer getötet und in Gruben verscharrt. Verantwortlich dafür waren Einsatzgruppen und Polizeibataillone vielfach unterstützt von Wehrmachtseinheiten.
So auch in Berditschew. Am Beispiel dieser Stadt wird untersucht, was geschieht, wenn an einem Ort binnen kürzester Zeit ein bedeutender Teil der Bevölkerung zunächst tödlich bedroht und schließlich ermordet wird.

Die Studie fragt danach, wie und von wem der Prozess der Gewalt und des massenhaften Tötens gestaltet wurde. Welche sozialen Dynamiken begleiteten ihn, trieben ihn voran oder hemmten ihn? Wie veränderte die Gewalt die Beteiligten und die Stadt? Und welche neue soziale Struktur wurde im Verlauf der Besatzung etabliert?

2011
Michaela Christ.
Die Dynamik des Tötens. Die Ermordung der Juden in Berditschew. Ukraine 1941-1944. Frankfurt/Main: S.Fischer.

Michaela Christ.
Die Soziologie und das “Dritte Reich”. Weshalb Holocaust und Nationalsozialismus in der Soziologie ein Schattendasein führen.
In: Soziologie 40/4, 2011, p. 407-431.


2005
Harald Welzer unter Mitarbeit von Michaela Christ
Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden.
Frankfurt/M.: S. Fischer.