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Projekt Europa: Emotionen, Identitäten, Politik. Vergleichende Forschungen zu Kultur und Gesellschaft

Laufzeit: 2002-2005

Das Projekt untersucht Zusammenhänge und Beziehungen zwischen politischen Formen von Identität und kulturellen Einstellungen im Bereich der Emotionen in Europa. Im Vordergrund steht dabei das Verhältnis zwischen der Herausbildung von Identitäten im europäischen Kontext einerseits und der Idee von höfischer und romantischer Liebe andererseits. Immer wieder ist in den letzten zweieinhalb Jahrhunderte die These vertreten worden, daß das Gefühl, Teil Europas zu sein, fundamental durch dieselbe Art von Liebe geprägt sei, die zugleich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Zivilisationsformen des modernen Europa charakterisiere. Diese Liebe, deren Ursprung in der privat-persönlichen Sphäre angesiedelt wurde, erhielt so eine öffentliche Funktion zuschrieben. Gleichzeitig wurde sie instrumentalisiert, um die Überlegenheit einer (der europäischen) über andere (nicht-europäische) Zivilisationen zu belegen. Dieses Projekt beabsichtigt, die historische Bedeutung der Emotionen, insbesondere der Liebe, für das europäische Gemeinschaftsgefühl auszuloten und auf der Grundlage dieser Zusammenhänge zu einem nicht-eurozentristischen Verständnis möglicher neuer europäischer Identitäten beizutragen.

Damit vereinigt das Forschungsvorhaben in sich verschiedene interethnische und interkulturelle Dimensionen. Stets wurde die Selbstbestimmung des „Europäischen“ über bestimmte Formen von Liebe durch die Festlegung eines Anderen ergänzt. Im Bereich der Geschlechterverhältnisse resultierte dies etwa in der direkten Gegenüberstellung von europäischen Frauen, die als frei dargestellt wurden, und asiatischen Frauen, die man für versklavt hielt. Obgleich der arabische Ursprung der provençalischen Liebespoesie vielfach anerkannt wurde, galten im Rahmen dieses Gegensatzes die Haltungen von Christentum und Islam der Liebe gegenüber als grundsätzlich unvereinbar. Ein ähnlicher Gegensatz wurde insbesondere im 20. Jahrhundert zwischen Europa und den USA konstruiert, um das eigentlich Europäische an der Liebe definieren zu können. Hier wurde das Andere als von exzessiver Freiheit gekennzeichnet dargestellt, welche amerikanische Frauen charakterisiere und zu ansteigenden Scheidungsraten führe. So schienen die USA eine mögliche Zukunft Europas zu repräsentieren, die es um jeden Preis zu verhindern galt. Solche Darstellungen amerikanischer Frauen finden sich in verschiedenen europäischen Ländern von den 1930er bis in die 1950er Jahre; wie so häufig wurden auch diese Bilder genutzt, um stellvertretend eine ganze Zivilisation zu charakterisieren.

In gleich mehrfacher Hinsicht ist die Kategorie Geschlecht/Gender für die Untersuchung des Verhältnisses von Europa und der Liebe von zentraler Bedeutung. Obwohl sich in der ursprünglichen provençalischen Tradition kein Hinweis darauf finden läßt, daß die von den Troubadouren besungenen Formen der Liebe als ausschließlich heterosexuell verstanden wurden (im Gegenteil: Zum einen existieren Lieder von Frauen, die als unmittelbar an andere Frauen gerichtet interpretiert werden können, zum anderen übten viele Troubadoure selbst homosexuelle Praktiken aus), wurden die höfischen und romantischen Formen der Liebe als einzig legitimer Ausdruck der Beziehung zwischen den Geschlechtern anerkannt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde das Subjekt der höfischen Liebe dann ausschließlich männlich und weiß, und seine Liebe fälschlicherweise für rein spirituell und nicht physisch gehalten. Der Feminismus der 1960er und 1970er Jahre kritisierte die romantische Liebe, da sie durch die Idealisierung von Frauen zu deren Unterdrückung beigetragen habe; die eurozentrischen und rein westlich dominierten Annahmen der romantischen Liebe wurden von feministischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jedoch nicht in Frage gestellt. Im Rahmen dieses Projektes soll die feministische Kritik als Grundlage verwendet, sie jedoch zugleich in kritischer Weise fortgeführt und weiterentwickelt werden.

Die genannten Aspekte dieses Themas (Verbindungen zwischen öffentlichem und privatem Leben, interkulturelle Beziehungen, Querverbindungen zwischen Geschlecht und „Rasse“/Ethnie) sind von enormer politischer Bedeutung für das heutige Europa, besonders in Hinblick auf die neuen sozialen Bewegungen (Frauen, Jugendliche) und die Migrationsbewegungen aus verschiedenen Teilen der Welt. Ein historisches Verständnis dieser bislang noch kaum bearbeiteten Fragen wird sich als unerlässlich für die Gestaltung eines neuen Europas erweisen, welches Respekt vor der Vergangenheit mit vielgestaltiger Offenheit für die eigene Gegenwart zu verbinden sucht.

Mitglieder


Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Luisa Passerini (Geschichtswissenschaft, Philosophie)

Fellows:
Prof. Dr. Hartmut Kaelble (Geschichtswissenschaft)
Prof. Dr. Jo Labanyi (Romanistik)
Dr. Alison Sinclair (Romanistik)
Dr. Liliana Ellena (Geschichtswissenschaft)
Dr. Almira Ousmanova (Cultural Studies)
Alexander C.T. Geppert (Geschichtswissenschaft)
Ruth Mas (Religionswissenschaft)
Assistent der Forschungsgruppe:
Alexander C.T. Geppert (Geschichtswissenschaft)