Projektbereiche

Projekt Was macht eine Lebensform human?

Laufzeit: 2001-2003

Die normative und empirische Herausforderung der Kulturwissenschaften durch den biowissenschaftlichen Naturalismus der Gegenwart
Die Biowissenschaften führen gegenwärtig im Praktischen und im Theoretischen zu tiefgreifenden Verwirrungen bei sensiblen Zeitgenossen, verantwortlichen Funktionsträgern, geistesgegenwärtigen Kulturwissenschaftlern und nachdenklichen Journalisten. Die drängenden bioethischen Fragen im Gefolge neuer Biotechnologien werfen die grundsätzliche Frage auf: Was an der menschlichen Lebensform ist genuin natürlich-vorgegeben und was ist künstlich-gemacht? In welchen Dimensionen dieser Lebensform - in den organischen, sozialen, moralischen, oder kulturellen Dimensionen - lassen sich Maßstäbe für das finden, was den Menschen und ihrem Zusammenleben angemessen ist?

Diese philosophisch-ethischen Fragen stehen im Horizont des modernen Zeitbewußtseins. Je mehr wir Menschen können, desto stärker muß die vernünftige Selbstbindung unseres Wollens an die Stelle bloß faktischen Nicht-Könnens treten.

Die öffentlich diskutierten normativ-praktischen Fragen der Bioethik in Reaktion auf neue biologische Kenntnisse und Techniken fordern die Kulturwissenschaften heraus. Sie tun das zumindest dann, wenn man die Kulturwissenschaften auch als methodisch disziplinierte Reflexionswissenschaften begreift, die dem gesellschaftsweiten Nachdenken darüber dienen sollen, was richtig oder besser ist.

Aber die Kulturwissenschaften sind durch die Biologie der Gegenwart nicht nur normativ herausgefordert. Es geht ebenso sehr um eine fundamentale, sinntheoretische Herausforderung durch die Naturwissenschaften, die sich zum selbstbewußten Grenzübertritt in gewisse kulturwissenschaftliche Gegenstandsbereiche anschicken.

Die kognitivistischen Zweige der Biowissenschaften (Neurobiologie und in ihrem Gefolge die Bioinformatik sowie die Neue Robotik, die Teleosemantik und die Evolutionsbiologie) beschränken sich nicht mehr auf die Analyse der natürlichen Komponenten der menschlichen Lebensform. Auch das, was gemeinhin diese Lebensform als distinkt human charakterisiert, nämlich der Gebrauch von Symbolen in einer Sphäre des Normativen rückt in dieAufmerksamkeit naturwissenschaftlicher Erklärungen. Das distinkt Humane soll wie andere Gegenstände der belebten Natur auch mit den Mitteln der methodisch disziplinierten Naturbetrachtung, mit modernen biowissenschaftlichen Mitteln also untersucht werden.

Die zentrale Frage ist, ob das geht, oder ob sich unter diesem Zugriff das spezifisch Humane der menschlichen Lebensform, die verstehende und reflexive Orientierung an etwas Sinnhaften wie es symbolischen Repräsentationen der Welt und normative Vorgaben sind, verflüchtigt. Das ist die aktuelle sinntheoretische Herausforderung der Kulturwissenschaften durch die Biowissenschaften.

Mitglieder

Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Lutz Wingert (Philosophie)

Fellows:
PD Dr. Stefan Gosepath (Philosophie)
Prof. Dr. Matthias Kettner (Philosophie, Psychologie)
Dr. Eva M. Neumann-Held (Biologie, Philosophie)
Dr. Louise Röska-Hardy (Philosophie, Linguistik)

pdf iconProjektskizze