Mitarbeiter

Projekt Amerikanisierung der deutschen Kultur und Literatur seit dem Ersten Weltkrieg

Laufzeit: 2002-2004

Ein Projekt des Kulturwissenschaftlichen Instituts, Essen, der Universität Essen und der Ohio State University, Columbus. Zur Grundfinanzierung durch die beteiligten Institutionen trägt zusätzlich u.a. die Alexander von Humboldt Stiftung bei.

Diese internationale Forschungskooperation soll in einer Reihe von Einzelstudien und Symposien den theoretischen Rahmen, die materiale Basis und die kulturelle, d.h. insbesondere die literarische, publizistische und massenmediale Phänomenologie der „Amerikanisierung" der deutschen Kultur (in ihren „hohen" wie in ihren „populären" Erscheinungsformen) seit dem Ersten Weltkrieg analysieren und darstellen.

Eine umfassende Darstellung des vielschichtigen Prozesses der Amerikanisierung der deutschen Kultur im 20. Jahrhundert fehlt bisher ungeachtet der intensiven zeithistorischen Forschung zum Thema Amerikanisierung. Das vorgestellte Forschungsvorhaben soll in mehreren Schritten die entsprechenden Voraussetzungen schaffen: In Prozessen der Projekte finden Symposien in den USA und in Deutschland statt, die auf interdisziplinärer Ebene Experten aus beiden Ländern zusammenführen. Die Ergebnisse sollen in entsprechenden Tagungsbänden, teils in englischer, teils in deutscher Sprache, publiziert werden. Dabei wird eine grundsätzliche, kulturwissenschaftlich und zeithistorisch bestimmte Ebene der Untersuchung von einer spezifischen, literatursoziologisch und diskursanalytisch bestimmten Ebene unterschieden, die Literatur, Publizistik, Rundfunk, Film usw. als wesentliche Medien des kulturellen Transfers in den Blick nimmt. Auf beiden Ebenen geht es über die Erfassung von Fakten und Daten hinaus um die theoretische Analyse und Aufarbeitung der Rahmenbedingungen und Mechanismen des amerikanisch-deutschen Kulturtransfers.

Auf der grundsätzlichen Ebene der Unters?uchung soll es im einzelnen darum gehen,

konkurrierende Konzepte wie „Amerikanisierung", „Westernisierung" und „Modernisierung" im Kontext der deutschen Kultur des 20. Jahrhunderts zu definieren und abzugrenzen,

spezifische Gegenstände und Aspekte amerikanischer Kultur zu erfassen, die in Deutschland aufgenommen oder abgewehrt wurden,
die entscheidenden Ursachen für den Erfolg der amerikanischen Kultur in Deutschland und anderen Ländern in Zusammenhang mit den Schlüsselkonzepten Demokratisierung und Kommerzialisierung herauszuarbeiten,

zu prüfen, ob Deutschland nach den Niederlagen von 1918 und 1945 überhaupt eine Chance hatte, die kulturelle Überformung durch Amerika abzuwehren, oder ob sie angesichts der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Hegemonie der USA gewissermaßen unvermeidlich war,

zu überprüfen, ob die Theorie des Postkolonialismus auf das wiedervereinigte Deutschland anwendbar ist, und die Strukturen und Auswirkungen von Amerikanisierung in der Bundesrepublik und Sowjetisierung in der DDR zu vergleichen,
die Positionen konservativer und progressiver Intellektueller im Blick auf die amerikanische Kultur zu untersuchen,
die Lebens und Wirkungsgeschichte besonders derjenigen Flüchtlinge aus Nazideutschland aufzuarbeiten, die zunächst europäische Kultur nach Amerika brachten, um nach 1945 im Auftrag der amerikanischen Militäradministration amerikanische Ideen nach Deutschland zu exportieren,
die prägenden Strukturen beim Transfer von sogenannter Hochkultur und sogenannter Massen oder Trivialkultur zu vergleichen und gegebenenfalls zu kontrastieren,

die amerikanisch deutschen bzw. amerikanisch europäischen Beziehungen im Vergleich mit ähnlichen historischen Konstellationen wie etwa dem Export der revolutionären Sowjetkultur nach 1917, dem „Französischen Jahrhundert" oder dem Einfluss des Imperium Romanum auf die griechische Kultur zu charakterisieren.
Auf der literatur- und medienspezifischen Ebene soll insbesondere untersucht werden,

welche strukturellen und konzeptionellen Veränderungen des deutschen Literatursystems amerikanischen Steuerungen oder Impulsen zu verdanken sind (amerikanische Literaturpolitik in Deutschland nach 1945, Gründung und Entwicklung von amerikanisch inspirierten Presseorganen und Verlagen, Literaturförderung und preise),

welche ,amerikanisch' geprägten ästhetischen Muster, Schreibweisen und literarischen Genres übernommen werden (Reportage und Bildreportage; Kriminalroman und Kriminalfilm; Formen der Kinder und Jugendliteratur; Comic Strips; Talkshow und „Sitcom"), aber auch, inwiefern es einen amerikanisch geprägten Autorenhabitus (von Brecht bis Wondratschek) gibt und in welchem Maße die traditionell deutsche Trennung von ,hoher' und ,trivialer' Literatur nach angloamerikanischem Vorbild überwunden wird,

wie die Rezeptionsverläufe amerikanischer Literatur in Deutschland historisch konkret verlaufen sind, wie sie sich zu den zeithistorischen Brüchen (besonders 1933, 1945) verhalten, welche Rolle bestimmte Autoren dabei spielen (z.B. Upton Sinclair, Henry Ford, William Faulkner, Ernest Hemingway) und welche Formen „produktiver Rezeption" bei deutschen Autoren festzustellen sind,

wie die amerikanischen Einflüsse in Politik, Wirtschaft und Kultur seit den zwanziger Jahren eine spezifische Semantik der publizistischen und literarischen Sprache prägt, die signifikante Verschiebungen des traditionell geprägten Menschen und Gesellschaftsbildes, des Wertesystems und des kulturellen Lebens anzeigen,

wie der Themenkomplex Amerika/Amerikanismus sich bei repräsentativen Autoren von der Zwischenkriegszeit (Bertolt Brecht, Thomas Mann, Franz Kafka, Egon Erwin Kisch) über die Nachkriegsliteratur (Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Wolfgang Koeppen) bis hin zur Gegenwartsliteratur (Peter Handke u.v.a.) in privaten und öffentlichen Stellungnahmen, aber auch in literarischen Werken darstellt und gegebenenfalls durch persönliche Erfahrungen (Exilzeit, Reisen) modifiziert; dabei sollen auch weniger prominente Autoren untersucht werden, die sich besonders intensiv mit diesem Problemkreis auseinandergesetzt haben. Veranstaltungen:
Seit Oktober 2001
Vortragsreihe zum Rahmenthema mit prominenten Historikern und Kulturwissenschaftlern (Volker Berghahn, Martin Jay, Rob Kroes)
Ort: Mershon Center, The Ohio State University, Columbus, OH

15. 18. Januar 2002
Symposion Rock, Jeans und Vietnam. Amerikanische Kultur in der DDR
Ort: Brecht Zentrum, Berlin

16. 19. Oktober 2002
Interdisziplinäre Konferenz Americanization ans Anti Americanism.
The Impact of American Culture on Germany after 1945
Ort: Mershon Center, The Ohio State University, Columbus OH

26. November 2002, 18:00 Uhr c.t.
Im Fadenkreuz des FBI: Bertolt Brecht
Ein Vortrag von Prof. Dr. Alexander Step
han (The Ohio State University, Columbus)
Ort: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

29. November 2002
Workshop Amerikanisierung der deutschen Kultur. Problemfelder und Forschungsansätze
Ort: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

16. Dezember 2002, 18:00 Uhr c.t.
Urteil im Zwielicht? Holocaust und Courtroom Drama. Ein deutsch-amerikanischer Vergleich
Ein Vortrag von Dr. Hanno Loewy (Fritz-Bauer-Institut, Frankfurt am Main)
Ort: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

28. Januar 2003, 18:00 Uhr, 18:00 Uhr c.t.
Vorbild der Demokratie. Schreckbild der Diktatur? Wege der Amerikanisierung in Deutschland 1918-1945
Ein Vortrag von PD Dr. Franz Becker (Universität Marburg/ Kulturwissenschaftliches Institut, Essen)
Ort: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

11. Februar 2003, 18:00 Uhr c.t.
„Sie haben merkwürdige Begriffe von Amerika“ –
Franz Kafkas Roman „Der Verschollene“ und der Amerika-Diskurs seiner Zeit
Ein Vortrag von PD Dr. Dieter Heimböckel (Gerhard Mercator-Universität, Duisburg)
Ort: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

25. März 2003, 18:00 Uhr c.t.
Tatort – der wahre deutsche Gesellschaftsroman?
Ein Vortrag von Prof. Dr. Jochen Vogt
(Universität Essen/ Kulturwissenschaftliche?s Institut, Essen)
Ort: Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

Kontakt:

Prof. Dr. Jochen Vogt
Universität Essen
FB 3 / Fub VII
Universitätsstraße 12v 45117 Essen

Elke Reinhardt-Becker, M.A.
Universität Essen
FB 3 / Fub VIIv Universitätsstraße 12
45117 Essen
Tel.: 0201/1833426
E-Mail: elke.reinhardt-becker@uni-essen.de