Projekt Katastrophenerinnerung

Leitung: Prof. Dr. Harald Welzer
Koordination: Dr. Dietmar Rost

Förderer: Stiftung Mercator
Laufzeit: 11/2008 bis 10/2013

Da mit dem Klimawandel eine Zunahme extremer Witterungsereignisse verbunden ist, steigt die Bedeutung von Fragen des gesellschaftlichen Umgangs mit Naturkatastrophen. Hierbei geht es keineswegs nur um gesellschaftliche Reaktionen auf gegebene Naturgefahren, sondern um einen wesentlich komplexeren Zusammenhang, der sich aus dem Verhältnis von Naturgefahren und sozialen Vulnerabilitäten wie auch den anthropogenen Faktoren von Naturgefahren ergibt. Das Ausmaß der Verwundbarkeit durch Naturgefahren bestimmt sich demnach unter anderem durch die jeweiligen gesellschaftlichen Formen und Potentiale des Wissens und Handelns. Verwundbarkeit kann also durch mitigative und adaptive Maßnahmen der Beeinflussung, Vorbereitung und Bewältigung solcher extremen Naturereignisse modifiziert werden. Ein wichtiger Aspekt liegt hierbei im Bereich der Erinnerung an Katastrophen und der mit ihr verbundenen Erfahrungen. Dieser Bereich des Erinnerns steht im Mittelpunkt der Fragestellung des Forschungsprojekts.

Fragen der Katastrophenerinnerung beziehen sich zunächst auf die Bedeutung, die entsprechende vorgängige Ereignisse für folgende Ereignisse besitzen. Grundsätzlich können Katastrophenerinnerungen in Prozesse der Bearbeitung der Katastrophenerfahrung eingehen, die als Lernen bezeichnet werden können. Ehemaliges Katastrophengeschehen kann jedoch auch vergessen werden. Damit stellen sich Fragen nach den Bedingungen des Katastrophenerinnerns, wie z.B. der emotionalen Eindringtiefe solcher Ereignisse, und den persönlichen und sozialen, kommunikativen und kulturellen Formen solchen Erinnerns. Die Befragung von Personen, die selbst Katastrophen miterlebt haben, eröffnet dem Forschungsprojekt zudem einen Blick auf Prozesse des Erinnerns und Vergessens von Katastrophengeschehen. Sich etablierende Formen des Erinnerns und mit ihnen möglicherweise verbundene Konsequenzen kommen ebenso in den Blick wie vorübergehende oder scheiternde Formen.

Katastrophenerinnerungen können also in die Referenzrahmen der Deutung folgender beziehungsweise anderer Katastrophengeschehen eingehen und diese maßgeblich prägen. In diesem Zusammenhang analysiert das Projekt weitere Aspekte aktueller Katastrophendeutungen, insbesondere den Stellenwert, den der Klimawandel und anthropogene Faktoren in den Aussagen der Befragten über Ursachen von Katastrophen besitzen.

Die Bearbeitung des Forschungsprojekts erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Schwesterprojekt Shifting Baselines unter einer gemeinsamen, an Kerninteressen des Forschungsbereichs "KlimaKultur" ausgerichteten Fragestellung. Es geht ihr um die Referenzrahmen, die Wahrnehmungen und Deutungen von Klima- und Umweltphänomenen prägen, um deren Wandel, um Bedingungen dieses Wandels sowie um deren Konsequenzen für adaptive und mitigative Verhaltensweisen, die im Kontext der Klimaproblematik notwendig erscheinen.

In Forschungsdesign und Methodenwahl erfolgt ebenfalls eine enge Zusammenarbeit zwischen beiden Projekten. Beide wählen einen vergleichenden Ansatz, der jeweils vier Fallstudien aus Ländern verschiedener Kontinente vereint. Das Forschungsdesign ist überwiegend qualitativ ausgerichtet. Die Erhebung arbeitet mit biographischen Interviews, die auf Umweltaspekte fokussiert und durch einen Fragebogen ergänzt werden – dem umweltbiographischen Interview (UBI). Die Auswertung dieses umfangreichen Datenmaterials erfolgt im Wesentlichen mittels qualitativer Inhaltsanalyse.
Die vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erarbeiten anhand der von ihnen jeweils selbst durchgeführten Fallstudie zu einem der untersuchten Länder (Chile, Deutschland, Ghana, USA) ihre Dissertationen. Zugleich werden die Daten in der gemeinsamen Arbeit im Projektrahmen nicht nur vergleichend ausgewertet, sondern auch anhand von Daten und Ergebnissen des Schwesterprojekts "Shifting Baselines" reflektiert und auf die gemeinsame übergreifende Fragestellung bezogen.

Schwerpunktmäßig untersuchen die vier Fallstudien Erfahrungs- und Handlungsformen im Kontext der folgenden weitgehend durch Überschwemmungen gekennzeichneten Katastrophengeschehnisse:

  • die durch einen Vulkanausbruch verursachte Überschwemmung des Ortes Chaitén in Chile (Gitte Cullmann, Soziologie);
  • die Überschwemmungen durch Hochwasser an der Oder 1997 und der Elbe 2002 in Deutschland (Maike Böcker, Soziologie);
  • saisonale Überschwemmungen innerhalb des städtischen Raums in Accra, Ghana (Ingo Haltermann, Geographie);
  • Hurrikan "Katrina" und die folgenden Überschwemmungen in New Orleans 2005, USA (Eleonora Rohland, Geschichte).


Publikationen:

Bücher:

Rost, Dietmar (2014): Wandel (v)erkennen. Shifting Baselines und die Wahrnehmung umweltrelevanter Veränderungen aus wissenssoziologischer Sicht. Wiesbaden: Springer VS, 2014. (Mit einem Vorwort von Harald Welzer)

Aufsätze:

Böcker, Maike; Haltermann, Ingo (2012): Wie Menschen in Deutschland und Ghana mit Naturkatastrophen umgehen. In: Welt-Sichten 12(2012)/01(2013): 46-47.

Cullmann, Gitte: Neue Wege für Chile - Modernisierung in Zeiten des Klimawandels. In: Berliner Debatte Initial - Sozial- und geisteswissenschaftliches Journal, Heft 01, 2010, S. 47-51.

Cullmann, Gitte: Nuevos caminos para Chile: la modernización en tiempos del cambio climático. In: Desafíos para el Desarrollo Sustentable de América Latina en Contexto de Cambio Climático, Heinrich Böll Stiftung América Latina y USACH. 12/2010, S. 63-71.

Haltermann, Ingo (2011): Vom Alltagsrisiko zur Katastrophe. Die Veränderung von Naturrisiken und deren Wahrnehmung am Beispiel Accra/Ghana. In: SWS-Rundschau (51/3, 2011), S. 349-366.

Haltermann, Ingo (2012): Ich habe meinen Anwalt bei mir... Der Zugang zum Feld im Kontext interkultureller Forschung. In: Bettmann, R.; Roslon M. (Hrsg.) (2012): Going the Distance. Berichte aus dem Dickicht der interkulturellen qualitativen Sozialforschung, S. 149-168. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaft.

Haltermann, Ingo (2012): The perception of natural hazards in the context of human (in-) security. In: Luig, U. (Ed.) (2012): Negotiating Disasters: Politics, Representation, Meanings, S. 59-78. Frankfurt am: Peter Lang.

Rohland, Eleonora (2014, im Erscheinen): Hurricanes in New Orleans: Disaster Migration and Adaptation, 1718-1794. In: Bernd Sommer (ed.): Climate Change in North America (Series Climate and Culture), Leiden: Brill.

Rohland, Eleonora (2014, im Erscheinen): Hurricanes on the Gulf Coast: Environmental Knowledge and Science in Louisiana, the Caribbean, and the U.S., 1722 to 1900. In: Rood, Daniel, Manning, Patrick (ed.): Linnaean Worlds: Global Scientific Practice, 1750-1850, Pittsburgh: University of Pittsburgh Press.

Rohland, Eleonora; Mauelshagen Franz; Haltermann, Ingo; Cullmann, Gitte; Böcker, Maike (2014, im Erscheinen): Why people don’t leave: The Enviro-Biographical Interview: Attachment to Place in the Aftermath of Disaster. In: Sloan, Stephen, Cave, Mark: Oral History and Crisis, New York: Oxford University Press.

Dissertationen (in Abschlussphase bzw. abgeschlossen):

Böcker, Maike: Aus Katastrophen lernen? Wahrnehmungen, Deutungen und Konsequenzen von Umweltveränderungen am Beispiel des Oderhochwassers 1997.

Cullmann, Gitte: Zerrissen durch die Katastrophe - Zur Bedeutung von veränderten Lebensbedingungen für die kollektive und personelle Bewältigung von Katastrophen.

Haltermann, Ingo: Und manchmal sterben Leute - Katastrophenerfahrungen und ihre Bedeutung für das Überleben in urbanen Hochrisikoraumen.

Rohland, Eleonora: Hurricanes in New Orleans, 1718-1965. A History of Adaptation.