Projektbereiche
Mitarbeiter
Projekt Shifting Baselines
Leitung: Prof. Dr. Harald Welzer
Koordination: Dr. Dietmar Rost
Förderer: Stiftung Mercator
Laufzeit: bis 10/2013
Das Shifting-Baseline-Syndrom bezeichnet ein Phänomen verzerrter und eingeschränkter Wahrnehmung von Wandel. Parallel zur Veränderung von Umweltbedingungen kommt es dabei zu Verschiebungen und Veränderungen der Referenzpunkte, die der menschlichen Wahrnehmung beim Bemessen von Wandel dienen. Wesentliche Charakteristika dieses von Daniel Pauly (1995) geprägten Begriffes, den unser Forschungsprojekt aufgreift, wurden in einer generationenvergleichende Studie zur Umweltwahrnehmung bei Fischern im Golf von Kalifornien von Andrea Sáenz-Arroyo et al. (2005) veranschaulicht: Während ältere Befragte dort ein deutliches Bewusstsein über den Rückgang von Fischbeständen und das Verschwinden von Fanggründen zeigen, haben jüngere eine wesentlich geringere Vorstellung davon, dass die Bestände vor noch relativ kurzer Zeit erheblich größer und vielfältiger waren. Die Referenzpunkte ihrer Wahrnehmung reichen weniger weit zurück in die Vergangenheit und bleiben innerhalb ihres biographischen Horizonts.
Unser Forschungsprojekt untersucht derartige "shifting baselines", die Verschiebung von Referenzpunkten, nun in der Wahrnehmung einer Reihe anderer Umweltphänomene. Gerade im Bereich des Klimawandels und der mit ihm notwendig werdenden Verhaltensveränderungen stellen solche Verschiebungen ein erhebliches Problem dar. Denn die Wahrnehmung der mit der Klimaerwärmung verbundenen Probleme hängt eng mit Wahrnehmungen von Umweltveränderungen zusammen und diese sind ihrerseits auf Referenzen angewiesen, an denen die Tiefe der Umweltveränderungen bemessen werden kann. Die Frage nach den Referenzpunkten der Wahrnehmung von Wandel wird im Forschungsprojekt zudem über den Bereich der Wahrnehmung von Klima- bzw. Umweltphänomenen hinaus auf den Bereich klima- und umweltrelevanter Praxisformen ausgedehnt. Auf diesem Wege werden unter anderem Erkenntnisse hinsichtlich der Kluft zwischen den auf Umweltprobleme bezogenen Wissensbeständen und gleichwohl fortgesetzten problemverschärfenden Praxisformen angestrebt.
Der Gegenstand des Forschungsprojekts liegt also in dieser komplexen Problematik des Shifting-Baseline-Syndroms, die unter anderem auch Fragen des Erinnerns und Vergessens wie auch der generationalen Transmission spezifischer Wissensbestände einschließt. Sein Ziel liegt in einer genaueren analytischen Beschreibung von Formen und Ausmaßen solcher Verschiebungen in der Wahrnehmung von Wandel. Untersucht wird dies in unterschiedlichen klimarelevanten Gegenstandsbereichen, die von der physischen über die soziale Umwelt bis zu Praxisfeldern wie Mobilität und Ernährung reichen.
Die Bearbeitung dieses Projekts erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Schwesterprojekt Katastrophenerinnerung unter einer gemeinsamen, an Kerninteressen des Forschungsbereichs "KlimaKultur" ausgerichteten Fragestellung. Es geht ihr um die Referenzrahmen, die Wahrnehmungen und Deutungen von Klima- und Umweltphänomenen prägen, um deren Wandel, um Bedingungen dieses Wandels sowie um deren Konsequenzen für adaptive und mitigative Verhaltensweisen, die im Kontext der Klimaproblematik notwendig erscheinen.
In Forschungsdesign und Methodenwahl erfolgt ebenfalls eine enge Zusammenarbeit zwischen beiden Projekten. Beide wählen einen vergleichenden Ansatz, der jeweils vier Fallstudien aus Ländern verschiedener Kontinente vereint. Das Forschungsdesign ist überwiegend qualitativ ausgerichtet. Die Erhebung arbeitet mit biographischen Interviews, die auf Umweltaspekte fokussiert und durch einen Fragebogen ergänzt werden – dem umweltbiographischen Interview (UBI). Die Auswertung dieses umfangreichen Datenmaterials erfolgt im Wesentlichen mittels qualitativer Inhaltsanalyse.
Die vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erarbeiten anhand der von ihnen jeweils selbst durchgeführten Erhebungen und Fallstudien zu einem der untersuchten Länder (Jorit Neubert: China; Björn Ahaus: Deutschland; Annett Entzian: Schweiz; Karin Schürmann: USA) ihre Dissertationen. Zugleich werden die Daten in der gemeinsamen Arbeit im Projektrahmen nicht nur vergleichend ausgewertet, sondern auch anhand von Daten und Ergebnissen des Schwesterprojekts "Katastrophenerinnerung" reflektiert und auf die gemeinsame übergreifende Fragestellung bezogen.