Projekt Enzyklopädie der Neuzeit

Enzyklopädie der NeuzeitEin Gemeinschaftsprojekt des Verlages J.B. Metzler, Stuttgart und des Kulturwissenschaftlichen Instituts

Verantwortlich: Prof. Dr. Friedrich Jaeger

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Zum Projekt:

    1. 1. Kurzbeschreibung
    2. 2. Ausführliche Beschreibung
    3. 3. Artikelstruktur und enzyklopädisches Konzept
    4. 4. Netzwerk und Beteiligte
    5. 5. Publikationen


1. Kurzbeschreibung

Bei der Enzyklopädie der Neuzeit handelt es sich um ein historisches Lexikon in insgesamt 16 Bänden, das der europäischen Geschichte zwischen 1450 und 1850 unter Berücksichtigung ihrer globalen Kontexte gewidmet ist und damit die Epoche der Frühen Neuzeit und des Zeitalters der bürgerlichen Revolutionen umfasst. Sie endet mit dem Beginn der Moderne, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Die Enzyklopädie ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Kulturwissenschaftlichen Instituts und des Verlages J.B. Metzler, Stuttgart und wird von Friedrich Jaeger
geschäftsführend herausgegeben. Insgesamt sind an dem Unternehmen etwa 100 HerausgeberInnen und 1.400 AutorInnen beteiligt, so dass es als ein wichtiges Referenzwerk der deutschen historischen Neuzeitforschung gelten kann. Die einzelnen Bände der Enzyklopädie der Neuzeit erscheinen seit Mai 2005 im halbjährlichen Rhythmus. Mit dem Erscheinen des Registerbandes wird das Unternehmen im Jahre 2012 abgeschlossen sein.


2. Ausführliche Beschreibung

2.1. Epochenkonzept
Indem die Enzyklopädie den Beginn der Neuzeit in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s ansiedelt, folgt sie einem Neuzeitverständnis, das sich seit den 1950er Jahren unter dem Leitbegriff der Frühen Neuzeit als Bezeichnung für die Periode zwischen dem 15. und dem 18. Jh. durchgesetzt hat. Es geht davon aus, dass sich die europäische Welt in dieser Zeit mit dem Zusammentreffen mehrerer einschneidender Ereignisse und Prozesse tiefgreifend zu ändern begann und sich diejenigen Entwicklungen abzeichneten, die für die Neuzeit insgesamt prägend wurden. Dazu zählen etwa die Ausbildung des frühmodernen Staates, die konfessionelle Spaltung in der Folge der Reformation, die mit der Erfindung des Buchdrucks verbundene Revolutionierung von Wissen und Kommunikation, die europäische Expansion in überseeische Räume, die mit dem Aufstieg des erfahrungs- und naturwissenschaftlichen Denkens verbundene wissenschaftliche Revolution und nicht zuletzt die Ausbildung des europäischen Frühkapitalismus.

Mit diesen Entwicklungstendenzen sind Merkmale frühneuzeitlicher Kulturen und Gesellschaften benannt, die diese Epoche trotz anderweitiger Kontinuitäten gegen¬über dem Mittelalter abgrenzen und als eine eigenständige Epoche auszeichnen. Es handelt sich um Transformationsprozesse langer Dauer, die gemeinsam die Grund¬lagen der tradierten Ordnung erschütterten und das Bewusstsein schufen, in einer 'neuen' Zeit, in einer Epoche des Umbruchs und des Wandels zu etwas grund¬sätzlich Neuem zu leben, auch wenn sich ein reflektierter Begriff der Neuzeit als Epocheneinheit erst später (im Wesentlichen erst im Laufe des 19. Jh.s) einstellte.

Der Untersuchungszeitraum der Enzyklopädie erstreckt sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung eines Übergangskorridors, der Phänomenen der Ungleichzeitigkeit von Entwicklungen Rechnung trägt. Sie endet also mit der Periode, die man als den Beginn der Moderne bezeichnen kann und in der sich im Zuge politischer, ökonomischer und kultureller Transformationsschübe die europäischen Gesellschaften dieser Zeit erneut tiefgreifend änderten. In dieser Zeit bildeten sich die Kernelemente der klassischen Moderne heraus, die auch unsere Gegenwart noch wesentlich prägen.

2.2. Inhalte und Fachgebiete
Historische Phänomene und Prozesse in den verschiedenen Feldern der geschichtlichen Wirklichkeit – in Politik und Recht, Gesellschaft und Ökonomie, Wissenschaft und Technik, Kultur und Medien, Kunst und Religion – sollen im Rahmen der Enzyklopädie der Neuzeit nicht in Konzentration auf ihre internen Besonderheiten und Spezialentwick¬lungen, sondern unter Berücksichtigung ihrer allgemeinhistorischen Bezüge und Wechselwirkungen, ihrer kulturellen Entstehungskontexte und gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen sowie ihrer Bedeutung für die Lebenspraxis der Zeitgenossen und für den Wandel neuzeitlicher Gesellschaften herausgearbeitet werden.

Dieser inhaltlichen Ausrichtung entspricht unter methodischen Gesichtspunkten ein disziplinenübergreifender Ansatz: Politik- und Rechtsgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte, Geschlechter-, Medien- und Kommunikationsgeschichte, Kultur-, Philosophie- und Religionsgeschichte, schließlich Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte finden als wichtige Einzeldisziplinen der historischen Forschung gleichermaßen Berücksichtigung. Ihre Vertreter kooperieren miteinander, um ihre unterschiedlichen Perspektiven im Interesse einer historischen Gesamtdeutung der Epoche wechselseitig zu ergänzen.

2.3. Europäische Geschichte und globale Perspektiven
Dem bereits dargelegten Epochenkonzept ist zu entnehmen, dass sich das Unternehmen weitgehend an innereuropäischen Zeitverläufen zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert orientiert; seine Perspektive ist also eine europäische. Dabei ist es jedoch keineswegs auf die europäische Geschichte beschränkt, sondern trägt der Tatsache Rechnung, dass die europäische Welt zu Beginn der Neuzeit in ein vielschichtiges Interaktionsverhältnis mit 'neuen' Welten außerhalb des europäischen Kontinents trat, das zunehmend globale Züge annahm. Die damit verbundenen Phänomene und Entwicklungen bilden einen wichtigen Gegenstand der Enzyklopädie der Neuzeit und werden in eigenen Artikeln reflektiert.

Mit europäischer Perspektive ist zum einen gemeint, dass in den Artikeln sowohl den übergreifenden Gemeinsamkeiten Europas als auch den individuellen Besonderheiten nationaler oder regionaler Entwicklungen Rechnung getragen wird. Innereuropäische Differenzierungen werden dabei jedoch nicht schematisch im Sinne einer bloßen Addition einzelner Länderperspektiven vorgenommen und auch nicht in Orientierung an einem normativ privilegierten Entwicklungsmodell, dem gegenüber andere Entwicklungen dann nur noch als 'Sonderwege' gedeutet werden. Auch lassen sie sich nicht flächendeckend oder mit dem Anspruch auf Vollständigkeit einlösen. Vielmehr werden innereuropäische Schwerpunkte je nach der Bedeutung und Aussagekraft bestimmter nationaler oder regionaler Entwicklungen für das in den Artikeln jeweils behandelte Thema gesetzt. Die Vielfalt der europäischen Geschichte lässt sich dabei sowohl komparativ, auf dem Wege des historischen Vergleichs unterschiedlicher Enzwicklungswege erschließen als auch exemplarisch anhand paradigmatischer Fälle, die auf Grundphänomene oder übergreifende Gemeinsamkeiten der europäischen Geschichte verweisen.

Die Enzyklopädie der Neuzeit hält daran fest, dass die europäische Perspektive ein heuristisch tragfähiger Zugang zur Geschichte der Neuzeit bleibt, weil sich ohne sie wesentliche Entstehungsvoraussetzungen, Prozesse und Folgen der modernen Welt – von der Genese moderner Staatlichkeit und der Institutionen des Rechtsstaats über die Ausbildung des Kapitalismus und einer sich marktförmig organisierenden Weltwirtschaft bis zu den Prinzipien der methodisch arbeitenden Wissenschaft und der Genese eines weltumspannenden Kommunikationssystems – historisch nicht angemessen erfassen lassen.

Damit sich jedoch in der Orientierung an der europäischen Geschichte nicht einfach eine eurozentrische Verengung des historischen Denkens fortsetzt, trägt die Enzyklopädie der Neuzeit auch der Tatsache Rechnung, dass diese Epoche zugleich die Entstehungszeit einer zunehmend ineinander verflochtenen Welt war. Diese Welt kann nur dann angemessen gedeutet werden, wenn die europäische Deutung der Weltgeschichte um die nicht-europäischen Perspektiven erweitert wird. Die Frühe Neuzeit lässt sich bereits als eine erste Stufe der Globalisierung verstehen, in der sich die partikularen Geschichten der verschiedenen Kulturen unter Ausweitung und Intensivierung ihrer Kontaktzonen zu einem Netzwerk wechselseitiger Beeinflussungen verbanden, wie asymmetrisch und gewaltförmig diese auch immer organisiert waren. Sie erfasst daher unter Gesichtspunkten der globalen Interaktion die Kontakte, Austauschbeziehungen und Konflikte der europäischen Nationen und Gesellschaften mit anderen Kulturen und trägt ihren vielschichtigen Einflüssen aufeinander und den Formen ihrer wechselseitigen Wahrnehmung Rechnung.

Aus diesem Grund bilden die Aspekte der globalen Kommunikation, des Kulturkontakts und der wechselseitigen Wahrnehmungen und Austauschbeziehungen, aber auch die Orga¬ni¬sa¬tion von Herrschaft in den verschiedenen Formen und Stadien des Kolonialis¬mus; der Transfer von Roh¬stof¬fen, Technologien, Krankheiten und Umwelt¬problemen; die kulturelle Vermischung, Akkulturation und Hybridisierung; die Narrative und Medien der interkulturellen Wahrnehmung; die Zirkulationswege von Ideen und Gütern; die Sklaverei und andere Formen der Zwangsmigration und des Bevölkerungs¬aus¬tauschs; schließlich die Entstehung des Welthandels und weltwirtschaftlicher Austausch¬verhältnisse wichtige Themen der Enzyklopädie der Neuzeit. Die Berücksichtigung dieser Erfahrungsbestände soll die europäische Perspektive als einen Standort der historischen Interpretation erkennbar machen, der angesichts der weltweit wirksamen Folgen europäischer Entwicklungen einerseits nicht beliebig und nur einer unter vielen anderen ist, andererseits aber auch nicht das Ganze der neuzeitlichen Geschichte repräsentiert.


3. Artikelstruktur und enzyklopädisches Konzept

Die Enzyklopädie erschließt die Geschichte der Neuzeit im Rahmen von etwa 4.000 Artikeln und 1.800 Lemmaverweisen. Die Stichwortschöpfung erfolgte dabei im Kontext von zehn gleich gewichteten Fachgebieten, die es erlauben, allen wesentlichen Entwicklungen der Neuzeitgeschichte im Bereich von Politik und Recht, Wirtschaft und Gesellschaft, Naturwissenschaften und Kultur, Kommunikation und Medien, Religion und Künsten, Umwelt und Technik Rechnung zu tragen. Bei der Festlegung der Artikelstruktur waren zwei Absichten leitend: Zum einen sollte den Lesern Überblickswissen zu allgemeinen Entwicklungen, Grundphänomenen und übergreifenden Geschehenszusammenhängen der neuzeitlichen Geschichte geboten werden. Zum anderen sollte aber auch Detailwissen zu Einzelaspekten und Ereignissen bereitstehen, um unterschiedliche Informationsbedürfnisse flexibel aufgreifen zu können. Die Entscheidung zu einer an übergreifenden Sachgesichtspunkten orientierten Artikelstruktur bedeutete zugleich den Verzicht auf Artikel zu einzelnen Personen und Orten, die stattdessen über ein ausdifferenziertes Register erschlossen werden können. Als Konsequenz dieser Überlegungen wurden drei unterschiedliche Typen von Artikeln festgelegt, die jeweils spezifische Funktionen der Wissensvermittlung und historischen Orientierung erfüllen. Sie sind durch differenzierte Querverweise gezielt miteinander vernetzt und können somit ergänzend gelesen werden:

  • Etwa 130 Schlüsselartikel im Umfang von durchschnittlich zehn Druckseiten erschließen die Grundphänomene der neuzeitlichen Geschichte länder- und epochen¬übergreifend. Sie legen die Fakten und Zusammenhänge komprimiert dar und führen in die wichtigen Forschungsansätze und -begriffe ein. Sie dienen der überblicksartigen Orientierung zu größeren Themen; Verweise leiten zu den zugehörigen Detailbehandlungen weiter.

  • Auf der mittleren Artikelebene konkretisieren etwa 900 Dachartikel im Umfang von drei bis sechs Seiten zentrale Aspekte der Schlüsselartikel.

  • Der noch konkreteren Information dienen auf der dritten Ebene die etwa 3.000 Einzelartikel. Sie präsentieren auf ein bis zwei Seiten Detailinformationen zu enger definierten Themen und sind ebenfalls über ein Netz von Querverweisen mit den Dach- und Schlüsselartikeln verbunden.



4. Netzwerk und Beteiligte

Die Enzyklopädie der Neuzeit kann inzwischen als eines der bedeutendsten und erfolgreichsten Publikationsprojekte der gegenwärtigen deutschen Geschichtswissenschaft angesehen werden, an dem neben dem Geschäftsführenden Herausgeber fast 100 weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausgeberisch beteiligt sind. Der Autorenkreis beträgt gegenwärtig (Stand November 2009) bereits ca. 1.400 Personen, darunter auch zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ruhrgebiets-Universitäten.


5. Publikationen

Enzyklopädie der Neuzeit. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts und in Verbindung mit den Fachwissenschaftlern hg. von Friedrich Jaeger, Stuttgart (Metzler) seit 2005:

Bd. 1: Abendland bis Beleuchtung, 2005.

Bd. 2: Beobachtung bis Dürre, 2005.

Bd. 3: Dynastie bis Freundschaftslinien, 2006.

Bd. 4: Friede bis Gutsherrschaft, 2006.

Bd. 5: Gymnasium bis Japanhandel, 2007.

Bd. 6: Jenseits bis Konvikt, 2007.

Bd. 7: Konzert bis Männlichkeit, 2008.

Bd. 8: Manufaktur bis Naturgeschichte, 2008.

Bd. 9: Naturhaushalt bis Physiokratie 2009.

Bd. 10: Physiologie bis Religiöses Epos, 2009

Bd. 11: Renaissance bis Signatur, 2010

Bd. 12: Silber bis Subsidien, 2010

Bd. 13: Subsistenzwirtschaft bis Vasall, 2011

Bd. 14: Seetechnik bis Staatsfinanzen, 2011


Die Einleitung: pdf iconVorwort-Enzyklopaedie-der-Neuzeit