Projektbereiche

Projekt Referenzrahmen von Tätern. Eine Analyse von Abhörprotokollen deutscher Soldaten in amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1942 - 1945

Leitung: Prof. Dr. Harald Welzer, Prof. Dr. Sönke Neitzel

Förderer: Fritz Thyssen Stiftung.
Laufzeit: 02/2010 bis 01/2012

Während des Zweiten Weltkrieges brachte die US-Army rund 183.000 deutsche Kriegsgefangene in die USA. Um an militärische Geheimnisse zu gelangen und um ihr Wissen sowohl über die deutsche Gesellschaft als auch über deren Streitkräfte zu erweitern, hatte der Geheimdienst das vor der Öffentlichkeit verborgene Verhörlager Fort Hunt eingerichtet. Etwa 3.300 der Gefangenen wurden jeweils für wenige Wochen nach Fort Hunt in der Nähe von Washington DC gebracht. Sie wurden dort verhört und – was die Soldaten nicht wussten – in ihren Zellen abgehört.
Entstanden ist auf diese Weise ein einmaliger Materialbestand von zirka 102.000 Seiten, ein Großteil davon Abhörprotokolle der Gespräche zwischen den Gefangenen. Die Protokolle dokumentieren, wie die Soldaten auf die nationalsozialistische Gesellschaft blickten, welche Vorstellungen und Einschätzungen sie hatten, was für sie selbstverständlich war und woran sie zweifelten: Die Männer erzählten vom Krieg und von ihren Familien zu Hause. Sie diskutierten über die Demokratie und die Zukunft der „Nazi-Bonzen“ genauso wie über Frauen und über Adolf Hitler. Ihre Gespräche drehten sich auch um Gaswagen, SS-Männer oder darum, was es bedeutete, in einem Konzentrationslager zu arbeiten.

Das Forschungsprojekt untersucht auf der Grundlage der Protokolle, wie die Gefangenen über Gewalt und Kriegsverbrechen sprachen, was sie darüber wussten, wie sie sich dazu positionierten und welchen Einfluss der Kriegsverlauf und die Kriegsgefangenschaft für ihre Haltung zu den NS-Verbrechen hatte.

Das Forschungsvorhaben ist eng mit den Projekten Referenzrahmen des Krieges sowie Kriegswahrnehmung und Kollektivbiographie verbunden.