15.02.

Do / 18:00

ABGESAGT: Mehr oder weniger Autorschaft

Generativität und Kreativität

Tatjana Noemi Tömmel, Technische Universität Berlin

Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal, Goethestr. 31, 45128 Essen

Die Veranstaltung muss leider ausfallen.

Eine Veranstaltung der Reihe “Wenn und Aber” im Rahmen des Jahresthemas “Mehr oder Weniger” .

Zeugung, Schwangerschaft und Geburt werden seit der Antike als Metaphern für schöpferische Prozesse verwendet. Der Kreativitätsdiskurs der Renaissance versteht den Künstler zugleich als potenten Vater und kreißende Mutter. Dagegen ist die buchstäbliche Fruchtbarkeit philosophisch lange vernachlässigt oder abgewertet worden. Die Abgrenzung gegen leibliche, in der Regel weiblich konnotierte Phänomene zieht sich explizit durch den Kreativitätsdiskurs: Platon stellt die leiblichen Geburten der Kinder – durch Frauen – den geistigen Geburten – durch Männer – direkt gegenüber. Hegel meint, das Kind der intelligenten Wesen sei der logos.

Zugleich wurden Mütter immer wieder als Schöpferinnen aufgefasst, die ihre Kinder hervorbringen wie Werke: »Während Frauen seit jeher zum Zurweltbringen von Kindern Zuflucht nehmen konnten, um eine Antwort auf die difficulté d’être zu finden, ist das männliche Bewußtsein vom Zwang, selbst zur Welt zu kommen, gezeichnet« (Peter Sloterdijk). Gegen diese kategoriale Verwechslung von Kreativität und Generativität haben insbesondere Feministinnen die Stimme erhoben: Nicht die Mutter erschaffe das Kind, sondern es selbst erschaffe sich in ihr als ein reines factum brutum (Simone de Beauvoir).

In ihrem Vortrag geht die Philosophin Tatjana Noemi Tömmel den diskursiven Verflechtungen und Verwechslungen von Generativität und Kreativität durch die Jahrhunderte nach und arbeitet die Besonderheit des generativen Verhältnisses und seine einzigartige Form der ethischen Kreativität heraus. Dabei wird zu zeigen sein, dass das Kind keine »sentimentale Geste« (Sheila Heti) ist, sondern ein Appell, das eigene Verhältnis zum ganz anderen zu bestimmen. Elternschaft ist damit eine radikale Form der Gastfreundschaft: Eine unbegrenzte, ausschweifende, alles umfassende und die Gastgeberin völlig verändernde Form des Empfangs und der Empfänglichkeit.


Kurzvita

Tatjana Noemi Tömmel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Fachbereich Ethik und Technikphilosophie der Technischen Universität Berlin. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in München, Berlin und Paris und wurde an der Universität Frankfurt/Main in Philosophie promoviert (Dissertation »Wille und Passion. Der Liebesbegriff bei Heidegger und Arendt«, Berlin: Suhrkamp 2013). Forschungs- und Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten in Deutschland, den USA und Dänemark. Im Fokus ihrer aktuellen Forschung stehen asymmetrische Beziehungen. Sie beschäftigt sich sowohl mit der rechts- und moraltheoretischen Normbegründung in asymmetrischen Beziehungen als auch mit zusammenhängenden Problemen der angewandten Ethik.


Über die Reihe “Wenn und Aber”

In der Reihe »Wenn und Aber. Philosophische Fragen zur Zeit« diskutieren wir mit Gästen aus der Wissenschaft über zeitgenössische Debatten an der Schnittstelle von Philosophie, Kulturwissenschaft und Medientheorie. In Vorträgen, Roundtables und Workshops mit Studierenden wird so ein Denkraum eröffnet, der im weitesten Sinne die Frage stellt, wie es möglich ist, in einer unübersichtlichen Gegenwart den notwendigen Reflexions-Abstand zum Jetzt herzustellen.