{"id":15351,"date":"2024-09-17T08:55:51","date_gmt":"2024-09-17T06:55:51","guid":{"rendered":"https:\/\/staging-v2.kulturwissenschaften.de\/?p=15351"},"modified":"2024-10-22T12:36:50","modified_gmt":"2024-10-22T10:36:50","slug":"heike-delitz-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/heike-delitz-24\/","title":{"rendered":"Heike Delitz \u00fcber De- und Rekonstruktion des Subjekts"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen des Workshops <a href=\"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/veranstaltung\/workshop-das-unverfuegbare-selbst\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das ungreifbare Selbst des Ich und des Wir. Psyche und Gesellschaft<\/a> Anfang September am KWI Essen hielt die Soziologin <a href=\"https:\/\/www.heike-delitz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heike Delitz<\/a> (Regensburg) einen Abendvortrag mit dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/veranstaltung\/das-selbst-der-franzoesischen-soziologie-und-anthropologie-delitz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Selbst der franz\u00f6sischen Soziologie und Anthropologie: Vom Subjekt als \u201aIllusion\u2018 und als \u201aProdukt\u2018 bis zu amerindianischen Subjekt-Begriffen<\/a>\u201c.\u00a0 Darin setzte sie sich mit dem Ph\u00e4nomen einer zunehmenden \u201eUnverf\u00fcgbarkeit des Subjekts f\u00fcr sich selbst\u201c als Kern einer bestimmten franz\u00f6sischen bzw. \u201efranz\u00f6sisch-denkenden\u201c Traditionslinie auseinander. Diese Linie, die von \u00c9mile Durkheim und seiner Schule (die erste Etappe: das durkheimianische Moment) \u00fcber Claude L\u00e9vi-Strauss und Michel Foucault (die zweite Etappe: das strukturalistische Moment) bis hin zu Philippe Descola und Eduardo Viveiros de Castro (die dritte Etappe: das amerindianische Moment) reicht, ist nicht von einer bruchlosen Kontinuit\u00e4t gekennzeichnet, sondern von Radikalisierungssch\u00fcben als Reaktionen auf epochale Probleme, die sich um die Frage nach Subjekt, Gesellschaft und Wirklichkeit kristallisieren. In Anschluss an Etienne Balibar ging Delitz von einer Bewegung der \u201eDe- und Rekonstruktion des Subjekts\u201c aus, worin die Dekonstruktion den Status des Subjekts als Zugrundeliegendes angreift (was einer der etymologischen Wurzeln von <em>subiectum <\/em>entspricht), w\u00e4hrend die Rekonstruktion das Subjekt sozusagen wieder einf\u00fchrt, allerdings als Effekt, als Gemachtes \u2013 und gerade durch dieses Gemacht-sein als sich selber unverf\u00fcgbares.<\/p>\n<p>Die Radikalisierungstendenz zeigt sich bereits im ersten Moment: Die Durkheim-Schule rekonstruiert in ihrem Kategorienprojekt die gesellschaftliche Bedingtheit der vermeintlich ahistorischen Erkenntniskategorien und entlarvt das Subjekt als Produkt gesellschaftlicher Strukturen. Im zweiten Moment findet eine weitere Radikalisierung statt, indem Claude L\u00e9vi-Strauss Durkheim (\u00e4hnlich wie Marx zuvor mit Hegel) \u201evom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe stellt\u201c und die Gesellschaft nicht als Ausgangspunkt nimmt, sondern die Zeichen- bzw. Bedeutungssysteme, die erst die Gesellschaft (und auch das Subjekt) erzeugen. Der Vorrang des Symbolischen l\u00e4sst das Subjekt zunehmend ephemerer werden. Michel Foucault wird, in Anschluss an L\u00e9vi-Strauss und Louis Althusser, diesen Gedanken machttheoretisch ausgehend von der Frage weiterdenken, wie Diskurse Menschen zu Subjekten (hier im zweiten etymologischen Sinne als unterworfene) machen. Im dritten Moment findet wiederum eine Radikalisierung statt, die sich, ebenfalls an Durkheim und L\u00e9vi-Strauss anschlie\u00dfend, in eine andere Richtung bewegt: Im Zuge des \u201eontological turns\u201c werden in der poststrukturalistischen Anthropologie die eigenen Begriffe und Analysekategorien in den Vergleich mit denen anderer Kulturen miteinbezogen und so als \u201eTrasformationen\u201c bzw. Variationen einer Modulation von Relationsm\u00f6glichkeiten erkannt, wodurch deutlich wird, dass alle Entit\u00e4ten potentiell \u201eMenschen\u201c oder \u201eSubjekte\u201c sein k\u00f6nnen. Die daraus folgende Dezentrierung \u2013 das Anders-werden des Eigenen durch die Einverleibung der Alterit\u00e4t \u2013 der eigenen Kategorien erlaubt es nunmehr, mit diesen zu experimentieren.<\/p>\n<p>Im Anschluss an den Vortrag zogen <a href=\"https:\/\/paedagogik.uni-halle.de\/arbeitsbereich\/hist_erzw\/mitarbeiter-innen\/elberfeld\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jens Elberfeld<\/a> (Halle-Wittenberg), <a href=\"https:\/\/www.uni-erfurt.de\/philosophische-fakultaet\/seminare-professuren\/historisches-seminar\/professuren\/wissenschaftsgeschichte\/profil-team\/sandra-janssen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sandra Jan\u00dfen<\/a> (Uni Erfurt) und <a href=\"https:\/\/www.ovgu.de\/Teamzww.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antonio Roselli<\/a> (Uni Magdeburg) mit Heike Delitz in einer Diskussionsrunde Grenzen zu anderen Traditionslinien und pr\u00e4zisierten die Stellung einzelner Positionen innerhalb der rekonstruierten Linie. Gemeinsam mit dem interessierten Publikum beleuchteten sie Paradoxien und ber\u00fccksichtigten nicht zu Wort gekommene Denker*innen.<\/p>\n<p><em>Text: Antonio Roselli<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen des Workshops Das ungreifbare Selbst des Ich und des Wir. Psyche und Gesellschaft Anfang September am KWI Essen hielt die Soziologin Heike Delitz (Regensburg) einen Abendvortrag mit dem Titel \u201eDas Selbst der franz\u00f6sischen Soziologie und Anthropologie: Vom Subjekt als \u201aIllusion\u2018 und als \u201aProdukt\u2018 bis zu amerindianischen Subjekt-Begriffen\u201c.\u00a0 Darin setzte sie sich mit dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":15354,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[53],"tags":[],"class_list":["post-15351","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wissenschaftsforschung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15351"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15351\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15354"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}