{"id":18042,"date":"2025-08-28T09:18:53","date_gmt":"2025-08-28T07:18:53","guid":{"rendered":"https:\/\/staging-v2.kulturwissenschaften.de\/?p=18042"},"modified":"2025-11-14T13:42:51","modified_gmt":"2025-11-14T12:42:51","slug":"nachruf-auf-lutz-niethammer-gruendungsdirektor-des-kwi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/nachruf-auf-lutz-niethammer-gruendungsdirektor-des-kwi\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Lutz Niethammer, Gr\u00fcndungsdirektor des KWI"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Filia + Filius<\/em> hie\u00df die Zeitung, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der beiden Gymnasien von Stuttgart-Feuerbach vier Mal j\u00e4hrlich gemeinsam herausbrachten. Zum 17. Juni 1957 war ein \u201eSonderheft\u201c \u00fcber die \u201eWiedervereinigung Deutschlands\u201c geplant, und die Redaktion stand unter Druck, weil sechs Tage vor Redaktionsschluss noch viele Illustrationen fehlten. Also trat sie an den Verein \u201eDer B\u00fcrger im Staat\u201c heran. Der Sch\u00fcler Lutz Niethammer forderte bei der Vorl\u00e4ufereinrichtung der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung Druckvorlagen von Fotos und Karikaturen an, die prompt geliefert wurden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwei Charakteristika, die in eine der ungew\u00f6hnlichsten Historikerlaufbahnen ihrer Zeit m\u00fcnden sollten, sind in diesem Zufallsfund bereits deutlich erkennbar: Ein geh\u00f6riges Selbstbewusstsein des damals 17j\u00e4hrigen (\u201elassen Sie uns postwendend wissen\u201c) traf auf einen stark entwickelten Sinn f\u00fcrs Politische \u2013 denn so unschuldig das Thema des Sonderhefts aus heutiger Sicht auch klingen mag, so brisant war es im Sommer 1957: Konrad Adenauers Popularit\u00e4t war auf ihrem H\u00f6hepunkt angelangt, und wer unter den J\u00fcngeren genau damit haderte, deutete auf die kompromisslose Westbindungspolitik des Kanzlers, welche die Wiedervereinigung zu blockieren schien. Und weil im September Bundestagswahlen anstanden, d\u00fcrfte das Sonderheft hitzige Debatten ausgel\u00f6st haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Niethammer, der viele Jahre sp\u00e4ter Fragmente einer Autobiographie ver\u00f6ffentlichte, griff diese Episode zwar nicht auf. Aber seine mit \u201eEgo-Histoire?\u201c betitelten \u201eErinnerungs-Versuche\u201c aus dem Jahr 2002 setzten mit einer nicht minder politischen Reportage \u00fcber ein Arbeitserziehungslager ein. Der \u201eJugendfunk\u201c des damaligen S\u00fcdwestfunks hatte sie 1962 ausgestrahlt, und auch sie k\u00fcndet vom politischen Engagement Niethammers, der zu dieser Zeit eigentlich Theologie studierte, sich aber l\u00e4ngst in Richtung Zeitgeschichte zu orientieren begonnen hatte. Dahinter stand die Erfahrung vieler \u201eAchtundsechziger\u201c: Kaum jemand von den \u00c4lteren mochte Details \u00fcber das Gestapo-Konzentrationslager in der d\u00f6rflichen Nachbarschaft nennen, und Niethammers Vater war nicht nur NSDAP-Mitglied gewesen, sondern hatte als Grafiker auch die \u00e4sthetischen Vorgaben des \u201etausendj\u00e4hrigen Reiches\u201c adaptiert, ehe er Soldat wurde und sp\u00e4t erst aus der Kriegsgefangenschaft zur\u00fcckkehrte. In seiner essayistischen Collage autobiographisch reflektierender Texte f\u00fchrte Niethammer, der bis zum zw\u00f6lften Lebensjahr vaterlos aufgewachsen war, seine eigene Skepsis gegen\u00fcber den Autorit\u00e4tsanspr\u00fcchen und hierarchischen Verh\u00e4ltnissen im akademischen Betrieb auch auf Verhaltens- und Beziehungsmuster zur\u00fcck, die er in der eigenen Familie beobachtet hatte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass der Sohn seine Dissertation \u00fcber die als unzureichend empfundene Praxis der S\u00e4uberung nach dem Krieg schrieb (\u201eEntnazifizierung in Bayern\u201c von 1972, zehn Jahre sp\u00e4ter unter dem markanteren Titel \u201eDie Mitl\u00e4uferfabrik\u201c neu aufgelegt), hatte aber nicht nur mit dem zeittypischen Generationskonflikt zu tun. Die Arbeit entstand auch vor dem Hintergrund des starken W\u00e4hlerzulaufs zur NPD, gerade in Baden-W\u00fcrttemberg, wo die Rechtsradikalen im April 1968 auf knapp zehn Prozent der Stimmen kamen. Niethammer schaute nicht nur auf Programmatik und agitatorische Praxis der NPD, sondern analysierte auch ihre parlamentarische Arbeit in sieben Landtagen und brachte im Sommer 1969 (also erneut: kurz vor der Bundestagswahl) sein Fischer-Taschenbuch \u201eAngepasster Faschismus\u201c heraus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00f6glich war dies auch, weil Hans Mommsen, dem er bereits im Vorjahr als Assistent von Heidelberg nach Bochum gefolgt war, ein ganz \u00e4hnliches, stark auf gegenw\u00e4rtige Verh\u00e4ltnisse orientiertes Verst\u00e4ndnis von Zeitgeschichtsschreibung vertrat. Dies passte gl\u00e4nzend in das Klima der Reformuniversit\u00e4ten, und schon 1973 wurde Niethammer als 33j\u00e4hriger an die soeben gegr\u00fcndete Gesamthochschule Essen berufen; 1983 ging er an die Fernuniversit\u00e4t Hagen, ehe er 1993 schlie\u00dflich den Lehrstuhl f\u00fcr Neuere und Neueste Geschichte in Jena \u00fcbernahm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Niethammer war ein wichtiger Wegbereiter der auf lebensgeschichtliche Interviews gest\u00fctzten Oral History im deutschen Sprachraum, vor allem mit dem Essener LUSIR-Projekt (\u201eLebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960\u201c), das eigentlich der Alltagserfahrung der gew\u00f6hnlichen Deutschen in der Diktatur und ihrem Zeitempfinden nachzusp\u00fcren gedachte. Entsprechend traten seit 1987 weitere Interviewprojekte in den Industrierevieren der DDR hinzu (\u201eVolkseigene Erfahrung\u201c, 1990). Neben der neuen Methode etablierten diese Vorhaben zugleich neue Themen der akademischen Geschichtsschreibung, vom kommunistischen Widerstand \u00fcber die Zwangsarbeit bis hin zur Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma. Die Perspektive \u201evon unten\u201c stellte Niethammer auch den intellektuellen Gro\u00dfentw\u00fcrfen aus dem dezisionistischen Geist der Zwischenkriegszeit entgegen: Im Wendejahr 1989 erschien \u201ePosthistoire\u201c, das sich energisch gegen die aufkommende Rede vom \u201eEnde der Geschichte\u201c positionierte. Es sch\u00f6pfte auch aus dem Materialfundus eines Erschlie\u00dfungsprojekts beim damaligen Hauptstaatsarchiv D\u00fcsseldorf, das den Nachlass Carl Schmitts f\u00fcr die Forschung zug\u00e4nglich machte. \u00c4hnlich skeptisch blickte Niethammer an der Jahrtausendwende auch auf die intellektuellen Urspr\u00fcnge der politisch immer bedeutsamer werdenden Identit\u00e4ts-Konzepte (\u201eKollektive Identit\u00e4t. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur\u201c, 2000), denen er am Beispiel von Carl Schmitt, Georg Luk\u00e1cs, Sigmund Freud, Maurice Halbwachs und Aldous Huxley nachsp\u00fcrte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In seinem eigentlichen Element war Niethammer, wenn es Institutionen auf- oder umzubauen galt. Das zeigte sich fr\u00fch an der Essener Gesamthochschule, wo Niethammer als Konrektor f\u00fcr Studium und Lehre die Struktur f\u00fcr das heutige Akademische Beratungs-Zentrum schuf, und ebenso bei der Alten Synagoge in Essen, deren Nutzung als Gedenk- und Ausstellungsort er Anfang 1979 gemeinsam mit Detlev Peukert vorantrieb. Beim Geschichtswettbewerb des Bundespr\u00e4sidenten setzte Niethammer gemeinsam mit Reinhard R\u00fcrup und J\u00fcrgen Reulecke die im Herbst 1979 politisch heftig umk\u00e4mpfte Ausschreibung \u00fcber den \u201eAlltag im Nationalsozialismus\u201c durch. Sie motivierte 12.500 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dazu, \u00fcber 2.000 Arbeiten einzureichen. Nach diesem Vorbild wurden Geschichtswettbewerbe ab 1991 auch zum kulturpolitischen Bestandteil der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, zu deren Programmatik Niethammer ebenso aktiv beitrug wie zum Erhalt der Zeche Zollverein XII, f\u00fcr die er ein Nutzungskonzept als historisches Museum entwarf. Die Selbstanerkennung des Ruhrgebiets unter dem Leitbegriff der \u201eIndustriekultur\u201c h\u00e4tte es ohne solche Initiativen Niethammers und seiner Sch\u00fcler kaum gegeben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dieser politisch-institutionellen Wirksamkeit liegt das Au\u00dfergew\u00f6hnliche an der Laufbahn Lutz Niethammers. Beg\u00fcnstigt wurde sie von engen Kontakten in die nordrhein-westf\u00e4lische Sozialdemokratie, wo sich gerade j\u00fcngere Reformer wie Bodo Hombach, Tilman Fichter oder Anke Brunn auf Niethammers wissenschaftliche Positionen bezogen. Als Hombach 1998 schlie\u00dflich Kanzleramtsminister wurde, war es deshalb kein Zufall, dass er Niethammer bei den Verhandlungen \u00fcber die jahrzehntelang blockierte Entsch\u00e4digung fr\u00fcherer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter als historischen Berater heranzog, dessen Vorschl\u00e4ge in die im Jahr 2000 eingerichtete Stiftung \u201eErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u201c mit eingingen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Ruhrgebiet war ein Glutkern von Lutz Niethammers Leidenschaft f\u00fcr Institutionen und wissenschaftspolitische Mitgestaltung. 1985 verk\u00fcndete Johannes Rau in seiner Regierungserkl\u00e4rung eine neue NRW-Stiftung sowie die Gr\u00fcndung des KWI in Essen und des Instituts \u201eArbeit und Technik\u201c in Gelsenkirchen. Bei der Bew\u00e4ltigung des Strukturwandels sollte ein neuer Schwerpunkt auf Kultur, Medien und Wissenschaft gesetzt werden: \u201eWir brauchen die wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung um eine sozialvertr\u00e4gliche Technik und um die wechselseitige Beeinflussung von Kultur und Technik\u201c. Das KWI siedelte sich unter der Leitung des Gr\u00fcndungsdirektors Lutz Niethammer zun\u00e4chst im alten Rathaus in Essen-Heisingen an. Hier entstand schnell ein universit\u00e4ts-\u00fcbergreifender Freiraum f\u00fcr Arbeitsgruppen und Gastwissenschaftler:innen, die eigenst\u00e4ndig Veranstaltungen organisieren und Forschungsprojekte weitertreiben konnten. Dem interdisziplin\u00e4r verfassten Kollegium des ersten Jahres geh\u00f6rten etwa Martin Warnke und Sigrid Weigel, Barbara Duden, Walter Siebel und Heide Schl\u00fcpmann an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mittlerweile steht das KWI unter seiner vierten Direktion und hat seine Forschungsschwerpunkte immer wieder neu definiert, um dem Gr\u00fcndungsauftrag innovativer kulturwissenschaftlicher Forschung in NRW gerecht zu werden. In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat es sich in j\u00fcngerer Zeit herumgesprochen, dass subjektive Perspektiven und Schreibweisen die Forschung bereichern k\u00f6nnen und dass es zivilgesellschaftliche Gruppen einzubeziehen gilt, um nicht allein Wissenschaft, sondern auch Demokratie zu verteidigen. Unser Gr\u00fcndungsdirektor Lutz Niethammer diagnostizierte sich selbst in seiner \u201eEgo-Histoire\u201c aus dem Jahr 2002 zwar \u201eeinen Mangel an thematischer und methodischer Koh\u00e4renz\u201c, der auch seiner Leidenschaft f\u00fcr politische Interventionen geschuldet gewesen sei. Aus heutiger Perspektive l\u00e4sst sich aber in vielf\u00e4ltiger Weise an seine kritische Selbstreflexion anschlie\u00dfen, um neue Beziehungen zwischen Kultur und Technik innerhalb gef\u00e4hrdeter demokratischer Verh\u00e4ltnisse zu verstehen. Es lohnt sich, Lutz Niethammer wiederzulesen, der Ende Juli im Alter von 85 Jahren in Berlin verstorben ist.<\/p>\n<p>\u00a0Julika Griem und Tim Schanetzky<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filia + Filius hie\u00df die Zeitung, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der beiden Gymnasien von Stuttgart-Feuerbach vier Mal j\u00e4hrlich gemeinsam herausbrachten. Zum 17. 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