{"id":5163,"date":"2020-05-14T10:20:52","date_gmt":"2020-05-14T08:20:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturwissenschaften.de\/?p=5163"},"modified":"2020-06-18T13:20:23","modified_gmt":"2020-06-18T11:20:23","slug":"reichertz-aufruf-forum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/reichertz-aufruf-forum\/","title":{"rendered":"Corona und der Stillstand sozialwissenschaftlicher Forschung \u2013 Aufruf zur Einrichtung eines Forums auf dem DGS-SozBlog"},"content":{"rendered":"<p><strong>*UPDATE: Das <a href=\"http:\/\/blog.soziologie.de\/community\/corona-und-der-stillstand-der-sozialwissenschaftlichen-forschung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forum auf dem SozBlog der Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Soziologie (DGS)<\/a> ist mittlerweile eingerichtet worden.<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,<\/p>\n<p>der mit dem Coronavirus begr\u00fcndete <em>lockdown<\/em> des gesellschaftlichen Lebens hat auch zu einem Stillstand fast <em>jeder<\/em> Art von \u201akontaktgebundener\u2018 Sozialforschung gef\u00fchrt \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sie qualitativ\/interpretativ oder quantitativ vorgeht. Hiermit m\u00f6chte ich f\u00fcr die Einrichtung eines Forums auf dem <a href=\"http:\/\/blog.soziologie.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SozBlog der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie<\/a> werben. Dort sollen Interessierte alle dringenden praktischen, methodischen, methodologischen, \u00f6konomischen und rechtlichen Probleme von Sozialforschung, die mit der neuen Situation einhergehen, ansprechen und diskutieren k\u00f6nnen. Zeit zu warten haben alle, die gerade in Forschungsarbeiten stecken, n\u00e4mlich nicht.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus meiner eigenen Forschung zeigt das Besondere der aktuellen Lage sehr deutlich: Wir untersuchen <a href=\"https:\/\/kulturwissenschaften.de\/projekt\/kommunikation-und-demenz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in einem DFG-Projekt<\/a> mittels <em>beobachtender Teilnahme<\/em>, wie sich das Kommunikationsverhalten von Familien, in denen ein Mitglied mit der Diagnose <em>Demenz<\/em> leben muss, ver\u00e4ndert. Zu diesem Zweck begleiten wir die Familien \u00fcber mehrere Jahre in drei Untersuchungswellen. Der Beginn der dritten und abschlie\u00dfenden Welle stand M\u00e4rz\/April an. Und dann kam Corona. Nat\u00fcrlich stellten wir sofort alle Beobachtungen ein. Stattdessen widmeten wir uns der gemeinsamen Video-Interpretation der bereits erhobenen Daten (Memos, Videos, Gespr\u00e4che etc.).<\/p>\n<p>Um die noch ausstehende dritte Beobachtungswelle irgendwann durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, fragten wir beim Gesundheitsministerium und dem Landeszentrum Gesundheit NRW an, ob es vertretbar ist, dass wir die Familien zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt erneut besuchen und dass wir im Vorfeld dieser Besuche uns auf Corona testen lassen k\u00f6nnten. Der Bescheid des Landeszentrums Gesundheit NRW war eindeutig: Man teilte uns mit, dass der Besuch von vulnerablen Personengruppen sowohl im Pflegeheim als auch in Privatwohnungen vorerst <em>untersagt <\/em>sei. Zum zweiten beschied man uns, dass diese Art der Forschung <em>nicht<\/em> <em>systemrelevant<\/em> ist &#8211; somit wir also nicht mit einer Testung rechnen d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Ein solcher Bescheid ist angesichts der aktuellen Situation sicher nachvollziehbar. Was schon schwieriger zu verstehen ist, ist die Tatsache, dass auf Amtsebene entschieden wird, welche Forschung systemrelevant ist und welche nicht. Der Bescheid h\u00e4tte sicherlich ein anderes Ergebnis gehabt, h\u00e4tten wir untersuchen wollen, wie hoch die Infektionsrate in Familien mit \u00e4lteren Familienmitgliedern bereits ist. Aber das ist nicht wirklich der Punkt, um den es mir geht.<\/p>\n<p>Der Punkt, um den es mir hier geht, ist, dass alle <em>Forschungsarbeiten<\/em> &#8211; seien es Examensarbeiten, seien es Promotionen und Habilitationen, seien es drittmittelgef\u00f6rderte Projekte aller Art oder private Vorhaben &#8211; in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten, m\u00f6glicherweise in den n\u00e4chsten Jahren keine Untersuchungsmethoden anwenden d\u00fcrfen, die einen Kontakt zu den Untersuchten zur Voraussetzung haben. Damit w\u00e4re jede Art von Interviews, von Fokusgruppen, von teilnehmender Beobachtung und beobachtenden Teilnahme in n\u00e4chster Zeit ausgeschlossen. Auch wenn sich manches auf Online-Betrieb umstellen l\u00e4sst, ver\u00e4ndert das die Praxis der Sozialforschung massiv.<\/p>\n<p>Dies auch, weil nicht nur Formen der Datenerhebung, sondern auch der Datenauswertung betroffen sind: so m\u00fcssen alle Formen der gemeinsamen <em>Datenauswertung<\/em> ausfallen oder sie m\u00fcssen aber auf minder gute Formen der gemeinsamen Auswertung per Videokonferenz umstellen.<\/p>\n<p>Daraus ergeben sich eine F\u00fclle von Fragen. Vordringlich sind sicher Fragen nach der <em>finanziellen<\/em> oder <em>rechtlichen <\/em>Weiterf\u00fchrung der Projekte. Was passiert mit Projekten, die gerade angefangen haben und ihre Forschung nicht durchf\u00fchren k\u00f6nnen? Was passiert mit Projekten, die mitten in der Arbeit sind? Wie sieht es mit Projektverl\u00e4ngerungen aus, wie mit der Finanzierung der Mitarbeiterinnen? Was wird aus den Magisterarbeiten, Dissertationen und Habilitationen? Hier sind sicherlich die jeweiligen Drittmittelgeber, die Universit\u00e4ten aber auch die jeweiligen Fachverb\u00e4nde gefragt. Die DFG hat schon sehr fr\u00fch reagiert und aufwandsarme (kurze) Verl\u00e4ngerungen in Aussicht gestellt. Doch wie wird das aussehen?<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Fragenkomplex adressiert erkenntnistheoretische Fragen: Wie ver\u00e4ndert sich kurz- bis mittelfristig die Datenerhebung (digital, online) und welche Folgen hat die Kontaktlosigkeit f\u00fcr die G\u00fcte von Forschung? Welche digitalen Infrastrukturen ben\u00f6tigt man (im Institut und bei den Untersuchten), um eine solche Forschung zu betreiben? Wer finanziert das? Wie ver\u00e4ndert sich die Auswertung und welche Folgen hat das f\u00fcr den Erkenntniswert der Forschung?<\/p>\n<p>Auch wir haben im unserem Demenz-Projekt bereits Pl\u00e4ne daf\u00fcr, unsere Feldbeobachtungen teilweise durch lange Videokonferenzen zu ersetzen: Wir planen, mittels geeigneter Plattformen, bei Kaffee und Kuchen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit mit den untersuchten Familien virtuell zusammenzusitzen und uns zu unterhalten, virtuell zusammen zu essen und zu trinken und das zu tun, was sich in einem solchen Setting so tun l\u00e4sst (was nicht viel ist). Nat\u00fcrlich ist das keine beobachtende Teilnahme mehr und nat\u00fcrlich ist das Medium hier mehr als nur der Vermittlungs- und Transportkanal. Aber wie wirkt sich solch ein Setting, oder allgemeiner: wie wirkt sich die Digitalisierung der Datenerhebung auf den Erkenntnisgewinn aus? Wie ver\u00e4ndert das die Beziehung zwischen Forscher*innen und Untersuchten? Von welcher Qualit\u00e4t sind die Daten? Welche ethischen \u00dcberlegungen sind hier zu ber\u00fccksichtigen?<\/p>\n<p>Fraglich werden auch kontaktgebundene Formen der Auswertung dieser Daten. Da auch hier damit gerechnet werden muss, dass in n\u00e4chster Zeit Gruppeninterpretationen vorerst nur unter erschwerten Verh\u00e4ltnissen m\u00f6glich bzw. unm\u00f6glich sind. Unsere aktuell gemachten Erfahrungen mit gemeinsamen Video-Interpretationen zeigen zwar, dass das im Prinzip geht. Sie zeigen aber auch, dass die gemeinsame Auswertung von Daten (z.B. Videos), sofern die Software und die jeweiligen Bandbreiten der Provider es zulassen, Besonderheiten aufweist, sehr viel zeitraubender, anstrengender und weniger effektiv ist.<\/p>\n<p>Fragen genug also, deren Kl\u00e4rung nicht darauf warten kann, dass sie auf Tagungen oder in Zeitschriftenartikeln diskutiert werden. Deshalb m\u00f6chte ich hiermit anregen, diese Diskussion zeitnah und virtuell <a href=\"http:\/\/blog.soziologie.de\/community\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in einem Forum auf dem SozBlog der Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Soziologie (DGS)<\/a> \u00f6ffentlich zu f\u00fchren.<strong>*<\/strong><br \/>\n<em>Das w\u00e4re ein Ort, an dem man zentral Informationen \u00fcber neue M\u00f6glichkeiten von Forschung unter Coronabedingungen austauschen kann.<\/em><\/p>\n<p>Die DGS stellt jedoch nur dann eine solche Austauschm\u00f6glichkeit zur Verf\u00fcgung, wenn daf\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Interesse besteht. Deshalb m\u00f6chte ich alle die bitten, die sich an einem solchen Gedankenaustausch beteiligen wollen, mir kurz eine entsprechende R\u00fcckmeldung per <a href=\"jo.reichertz@kwi-nrw.de\">Mail<\/a> zu senden. Bitte geben Sie diesen Brief gerne an m\u00f6glichweise interessierte Kollegen*innen weiter. Ich w\u00fcrde dann, wenn gen\u00fcgend Interesse besteht, alles Weitere mit der DGS kl\u00e4ren und sehr bald einen eigenen ersten Beitrag posten.<\/p>\n<p>Jo Reichertz<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturwissenschaften.de\/person\/prof-em-dr-jo-reichertz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prof. em. Dr. Jo Reichertz<\/a><br \/>\nSenior Fellow<br \/>\nMember &#8211; Board of Directors<br \/>\nInstitute for Advanced Study in the Humanities<br \/>\nGoethestra\u00dfe 31<br \/>\n45128 Essen<br \/>\n<a href=\"mailto:jo.reichertz@kwi-nrw.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">jo.reichertz@kwi-nrw.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*UPDATE: Das Forum auf dem SozBlog der Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Soziologie (DGS) ist mittlerweile eingerichtet worden. 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