{"id":14576,"date":"2024-05-16T11:54:50","date_gmt":"2024-05-16T09:54:50","guid":{"rendered":"https:\/\/staging-v2.kulturwissenschaften.de\/?post_type=veranstaltung&#038;p=14576"},"modified":"2024-12-06T11:13:33","modified_gmt":"2024-12-06T10:13:33","slug":"workshop-das-wars","status":"publish","type":"veranstaltung","link":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/veranstaltung\/workshop-das-wars\/","title":{"rendered":"Workshop: Das war&#8217;s."},"content":{"rendered":"<p class=\"text-justify\">Der Workshop steht im Kontext der gesellschaftlichen sowie \u00e4sthetischen Problematiken des Schlie\u00dfens, des Aufh\u00f6rens und des Beendens, die Teil der mannigfaltigen Krisen der letzten Jahre waren. Man denke an das \u201aEnde\u2018 der Pandemie, des Kapitalismus und der Globalisierung sowie die zunehmende Ersch\u00f6pfung nat\u00fcrlicher Ressourcen. Apokalyptische und katastrophische Szenarien, letzte Generationen sowie Formen der Ausrottung und des Aussterbens bestimmen nicht nur die gegenw\u00e4rtige Lage, sondern durchziehen auch die \u00f6ffentliche Debatte \u2013 nicht zuletzt, weil sich die Frage nach dem Aufh\u00f6ren mit Aspekten des \u00dcber- und Weiterlebens verbindet.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Der Workshop w\u00e4hlt einen Zugang, der sich dem Aufh\u00f6ren nicht ausschlie\u00dflich themenbezogen, sondern st\u00e4rker praxeologisch n\u00e4hert. Wir interessieren uns weniger f\u00fcr Narrative vom Ende, f\u00fcr die Diagnosen thematisch kontingenter Enden oder f\u00fcr das Ende als Denkform (vgl. Stierle\/Warning 1996), sondern f\u00fcr das Aufh\u00f6ren als ein praktisches Problem. Wir beginnen also damit, dass wir zun\u00e4chst einmal von der Unwahrscheinlichkeit eines Endes ausgehen. System- und differenzierungstheoretische Gesellschaftstheorien zeigen, dass sich in modernen Gesellschaften unterschiedliche zeitliche Ordnungen ausdifferenzieren, die sich nur schwer synchronisieren lassen: Das Ende des Einen ist der Anfang des Anderen. Alle Formen sozialen Handelns sind zudem in Routinen und Gewohnheiten eingelassen, die sich auch durch ihre Tr\u00e4gheit auszeichnen. Routinen pr\u00e4ferieren Anschluss und diskriminieren den Abschluss. Ihre Funktion liegt darin, dass soziale Praxis weitergeht. Und schlie\u00dflich lassen sich mit Blick auf gesellschaftliche Funktionslogiken nur schwer externe \u201eStoppregeln\u201c (Nassehi 2021, S. 212ff.) angeben, die limitieren k\u00f6nnten, ab wann z.B. genug Gewinn gemacht, Macht akkumuliert, geforscht oder geliebt wurde. Nicht nur f\u00fcr den Exzess und alle Formen von Abh\u00e4ngigkeit gilt deshalb: Aufh\u00f6ren ist schwierig.<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Umgekehrt wird das Aufh\u00f6ren damit in praxeologischer, epistemologischer und poetologischer Hinsicht untersuchbar (vgl. Kermode 2000). Es unterliegt dabei \u00fcberindividuellen Kriterien, institutionellen Rahmen, medialen Formaten und gesellschaftlichen Erwartungen \u2013 und damit ist es ein Sachverhalt, der gelingen oder auch misslingen kann. Dem Aufh\u00f6ren wohnt zudem eine poetologische Dimension inne. Schlussformeln sind konkret an verschiedene Auspr\u00e4gungen k\u00fcnstlerischer Formbildung gekoppelt, und zwar bei der Frage danach, wann und wie man einen Text, einen Film oder einen Song beendet und ob es so etwas wie ein passendes Ende des Textes, der Reihe oder des Werkes gibt (vgl. Hernstein Smith 1968). Literaturhistorisch lassen sich einige konstante Schlussformen wie der parabolische Schluss, die moralische Sentenz oder das Happy End nennen (vgl. Simons 2022). Welche Funktion erf\u00fcllt das Aufh\u00f6ren \u2013 auch in Korrelation zum Anfangen \u2013 abseits der trivialen Feststellung, dass Texte endlich sind und also beendet werden m\u00fcssen? Gerade im Kontext von Autobiographie und Life Writing avanciert das Aufh\u00f6ren (etwa mit einer bestimmten lebensweltlichen Praxis) zum Ausgangspunkt eines neuen Anfangs, der zugleich den Erz\u00e4hlakt selbst motiviert, also auch ein strukturelles textliches Moment ist. Vom Aufh\u00f6ren zu erz\u00e4hlen, hebt dieses kurzfristig auf. Wie l\u00e4sst sich hierbei das serielle Erz\u00e4hlen als formspezifisches Spielen mit dem Aufh\u00f6ren konturieren? Was bedeutet es, wenn sich Texte in anderen Medien fortsetzen, etwa als H\u00f6rbuch, Theaterst\u00fcck oder Computerspiel? Nicht zuletzt lenkt das Aufh\u00f6ren den Blick auf editionsphilologische Frage- und Problemkonstellationen. Schlie\u00dfen \u201eendg\u00fcltige Ausgaben\u201c oder \u201eAusgaben letzter Hand\u201c wirklich ab oder artikulieren sie vor allem einen quasi-moralischen Anspruch auf Endg\u00fcltigkeit?<\/p>\n<p class=\"text-justify\">Neben solche \u00e4sthetischen Problematiken des Endes sollen Praktiken des Aufh\u00f6rens und Abschlie\u00dfens in unterschiedlichen sozialen Feldern und Kontexten in den Blick r\u00fccken. Man denke z.B. an Canceln und Ghosting, die Schwierigkeiten des R\u00fccktritts oder Beendens einer Karriere, eines eingefahrenen Konflikts oder lebensverl\u00e4ngernder medizinischer Behandlungen, an Abschiedsrituale, Abschlussformeln sowie Verfahren und Kulturtechniken des Aufh\u00f6rens. Was bedeuten etwa in werktheoretischen Kontexten Zuschreibungen wie das \u201aAlterswerk\u2018 oder \u201aSp\u00e4twerk\u2018 \u2013 oder, wie aktuell im Falle Paul Austers, auch das \u201aletzte Werk\u2018 (u.a. Wroe 2023) \u2013, wenn sie vom Schreibenden selbst oder der Kritik so formuliert werden? Auch in der akademischen Welt wird aufgeh\u00f6rt: Das Format der Abschiedsvorlesung markiert eine Praxis des mitunter breit zelebrierten Aufh\u00f6rens im gewohnten Rahmen akademischer Arbeit. Au\u00dferdem verbindet sich das Nachdenken \u00fcber das Aufh\u00f6ren und Beenden mit einer Reihe von Rhetoriken und Diskurspraktiken, die nicht nur einen demonstrativen Charakter haben. Gerade in Bezug auf das wissenschaftliche Argumentieren zeigt sich, dass die Frage nach dem Aufh\u00f6ren die textuelle Verfasstheit der Gedanken selbst tangiert \u2013 wann und wie beendet man das Argument, gibt es immanente Schlussstellen? Inwiefern l\u00e4sst sich in der wissenschaftlichen Arbeit \u00fcberhaupt aufh\u00f6ren, wie korreliert das Aufh\u00f6ren mit der Logik der Wissenschaften selbst, nach der kein Gegenstand auserforscht sein kann?<\/p>\n<p class=\"text-justify\">M\u00f6gliche Untersuchungsfelder:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p class=\"text-justify\">\u00e4sthetische, wissenschaftliche, juristische, religi\u00f6se, politische, \u00f6konomische, medizinische Praktiken des Aufh\u00f6rens<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"text-justify\">Epistemologien des Endes: Anfang und Ende, Z\u00e4suren, Epochen, Perspektivendifferenzen und (Un)Gleichzeitigkeiten<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"text-justify\">Absagen, Ab- und R\u00fccktritte, Abschiede, K\u00fcndigungen, Abschlussberichte<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"text-justify\">literarische Gattungen, Medien, Formate und Verfahren des Aufh\u00f6rens und Abschlie\u00dfens (Life Writing, Sucht- und Trennungserz\u00e4hlungen)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"text-justify\">Kulturtechniken des Aufh\u00f6rens: Periodisieren, Unterbrechen, Fortsetzen, Serien<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"text-justify\"><a href=\"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/cfp_aufhoeren_kwi.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zum Call for Papers und Literaturangaben (PDF)<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","event_category":[],"class_list":["post-14576","veranstaltung","type-veranstaltung","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/veranstaltung\/14576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/veranstaltung"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/veranstaltung"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"event_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturwissenschaften.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/event_category?post=14576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}