Fünf Jahre ‚Akademie im Exil‘ – Wissenschaftliche Freiheit heute

Seit fünf Jahren fördern die VolkswagenStiftung, die Mellon Foundation und die Open Society Foundations mit der ‚Akademie im Exil‘ einen Zufluchtsort für Wissenschaftler:innen, die aus politischen Gründen ihre Heimatländer verlassen mussten. Stipendiat:innen u.a. aus der Türkei, Ungarn, Afghanistan, Syrien oder der Ukraine finden ein neues akademisches Umfeld am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (KWI), an der Universität Duisburg-Essen (UDE), an der Freien Universität Berlin (FU Berlin) und am Forum Transregionale Studien (FTS).

„Exil macht etwas nicht nur mit den Menschen, die ihr Heimatland verlassen müssen, sondern auch mit ihrer Wissenschaft und mit dem Wissenschaftssystem des aufnehmenden Landes,“ so Kader Konuk, Direktorin der ‚Akademie im Exil‘ und Professorin für Turkistik an der UDE, im Mai bei einem Vortrag anlässlich der Gründung des Erich Auerbach Institute for Advanced Studies an der Universität zu Köln. Der Literaturwissenschaftler Erich Auerbach wurde im nationalsozialistischen Deutschland 1935 von seiner Professur in Marburg vertrieben. Er nahm einen Ruf an die Universität Istanbul an und lehrte und forschte elf Jahre in der Türkei. Damals vermittelte die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland, gegründet 1933 von Philipp Schwartz, Stellen für Wissenschaftler:innen im Exil. Heute bietet die ‚Akademie im Exil‘ bedrohten oder vertriebenen Wissenschaftler:innen aus dem Ausland die Möglichkeit, ihre Forschung und Lehre in Deutschland fortzuführen. Seit 2017 konnten insgesamt 73 Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Kulturschaffende eingeladen werden.

Anlass für die Gründung waren politische Entwicklungen in der Türkei. „Kritische Wissenschaftler:innen an türkischen Universitäten waren Berufsverboten und Gerichtsverfahren ausgesetzt“, sagt Kader Konuk. „Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, Kolleg:innen zu unterstützen und gleichzeitig ein Forum zu schaffen, in dem über Wissenschaftsfreiheit und Exilwissenschaft diskutiert und geforscht werden kann.“ Der große Erfolg des Programms führte dazu, dass es heute Bewerber:innen aus der ganzen Welt offensteht. „Universitäten sind Wissenschaftsinstitutionen, die Verantwortung übernehmen und die sich ständig erneuern“, erklärt die Rektorin der UDE, Professorin Barbara Albert. „Es ist uns ein besonderes Anliegen, Kolleg:innen zu unterstützen, die der Wissenschaftsfreiheit besonders bedürfen, und zugleich brauchen wir ihre fachliche Expertise und Kreativität und ihre internationalen Erfahrungen, um die UDE fortzuentwickeln.“ In diesem Sommer kommen drei afghanische Fellows aus den Bereichen Kunst und Medien an das KWI. Direktorin Julika Griem dazu: „Unsere Kolleg:innen aus der Türkei, Ungarn, Myanmar und Russland schenken dem KWI neue Perspektiven. Mit den afghanischen Journalist:innen werden wir unsere Forschungskultur auf besonders innovative Weise weiterentwickeln können.“

Wer eine Förderung erhält, bestimmt eine Auswahlkommission in einem mehrstufigen Auswahlverfahren auf der Grundlage akademischer Leistung und des Risikostatus. Die Akademie vergibt Stipendien für maximal zweijährige Gastaufenthalte in Essen und Berlin.

Für die renommierte VolkswagenStiftung, die das Programm als größte Stifterin mitfinanziert, ist die ‚Akademie im Exil‘ ein Projekt mit Signalwirkung. Generalsekretär Dr. Georg Schütte: „Autoritäre Regime und Terrorkriege stehlen einer ganzen Generation von Forschenden ihre berufliche Zukunft. Sie sind als akademische Nomaden über die Welt verteilt. Zumindest für einen kleinen Teil dieser Flüchtlinge ist die ‚Akademie im Exil‘ ein Schutz- und Dialograum. Das Konzept verdient viele Nachahmer auch in anderen Ländern.“

Die VolkswagenStiftung ist von Anfang an dabei und die größte Förderinstitution der ‚Akademie im Exil‘. Das Afghanistan-Programm wird zudem von der Andrew W. Mellon Foundation unterstützt. Darüber hinaus hat die Akademie von den Open Society Foundations, dem IIE-Scholar Rescue Fund, der Freudenbergstiftung und dem DAAD Unterstützung erhalten. Anfang des Jahres hat die Akademie ihren Fokus auf gefährdete Kultur- und Medienschaffende erweitert: Mithilfe der Allianz Kulturstiftung wurde ein ‚Artist-in-Residence‘-Programm initiiert, das auf Künstler:innen aus den Bereichen Film- und Video, Sound und visuelle Kunst abzielt, die sich in ihren Werken für Demokratie, Menschrechte sowie Rede- und Meinungsfreiheit einsetzen.

(Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen)