07.03. – 08.03.

Workshop: (Fehlendes) Fingerspitzengefühl. Soziologie und Poetologie von Takt und Taktlosigkeit

Geschlossene Veranstaltung

Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal, Goethestr. 31, 45128 Essen

Taktlos agiert, wer sich überschwänglich selbst lobt, im falschen Moment lacht, anderen die Möglichkeit zur Mitsprache abspricht, ein Geschlecht falsch deutet, sich irgendwie cringy verhält, unerwünscht Hilfe anbietet, Körperabstände nicht respektiert, die Schwächen seines Gegenübers bloßstellt, ein Geheimnis ausplaudert, Kritik unnötig harsch formuliert, oder die Zuvorkommenheit anderer für den eigenen Vorteil ausnutzt. Taktlosigkeit kann sich aber auch in übertriebener Rücksicht artikulieren, etwa, wenn anstatt der kleinen Lüge ein aufrichtiges Wort erwartet würde. In der modernen Gesellschaft haben sich die Regelsysteme des sozialen Verkehrs nicht nur differenziert, sondern diese Regeln und kulturellen Konventionen treten auch aus ihrer Latenz hervor und werden in ihrer Kontingenz sichtbar. Damit stellt sich auch die Frage, welche Regel darüber entscheidet, wie Regeln in konkreten Situationen anzuwenden sind? Die Ausgangsthese des Workshops lautet: Man braucht Fingerspitzengefühl, um im sozialen Umgang das richtige Maß zu finden.

Der Workshop nähert sich der vielfältigen Semantik des (fehlenden) Fingerspitzengefühls über eine interdisziplinäre Perspektive. Im Zentrum stehen soziologische, kultur- und literaturwissenschaftliche Fragen nach Medien, Formen und Funktionen des (fehlenden) Fingerspitzengefühls. Wer mit Fingerspitzengefühl kommuniziert, so Niklas Luhmann, habe gelernt, dass “nicht Tatsachen, sondern nur Mitteilungen verwunden” können. Wir gehen davon aus, sich Fingerspitzengefühl als eine Kulturtechnik der Konfliktkontrolle verstehen lässt, über die sich (In)Kommunikabilitäten in der Situation steuern lassen.

Die folgenden Leitfragen geben die Suchrichtung des Workshops vor: In welchen medialen Formaten und literarischen Genres und Gattungen wird (fehlendes) Fingerspitzengefühl problematisiert? Wie differenziert sich die Semantik historisch aus? Wie wird ein Wissen um Situationstypiken, Modelle und Strategien der Kommunikation in Szene gesetzt?In welchen gesellschaftlichen Felder und Kontexten spielen diese Szenen? Welche Typen von Interaktionen werden modelliert? Von welchen impliziten gesellschaftlichen, z.B. politischen, institutionellen Voraussetzungen gehen die Texte aus? Welche Themen- und Figurenkreise sowie Rollenkonstellation und Geschlechterverhältnisse treten auf? Welche Bezugsprobleme der kommunikativen Adressierung und Anrede Alter Egos werden vorgeführt? Welche Fehlleistungen problematisiert? Welche Sätze, Gesten und Handlungen, werden als besonders taktlos diskreditiert oder als taktvoll empfohlen? Welche Körperpolitiken, Affektmodelle, Disziplinarregime und moralischen Schemata werden implementiert? Wie werden in den Texten Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Ordnungsebenen des Sozialen dargestellt, werden z.B. strukturelle Probleme der Gesellschaft über taktvolles Verhalten in Interaktionen verschärft, oder Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse tradiert? Für welches Problem ist Takt und Fingerspitzengefühl in den Texten eine Lösung? Und worin liegen umgekehrt die Leistungen der Taktlosigkeit?

Am 7.3. findet um 17:30 Uhr der öffentliche Vortrag “Zum taktvollen Umgang mit Menschen und dem Dritten in der Kommunikation. Am Beispiel von Goethes Wahlverwandtschaften und Jane Austens Persuasion” von Rüdiger Campe (Yale University) statt.