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10.07.

Fr / 09:00

Zwischen Zugang, Abbruch und Auflösung: Scheitern als Erkenntnismoment ethnografischer Forschung

Vortrag im Rahmen der Arbeitstagung "Nicht-Thematisiertes in ethnografischer Forschung?"

Nadine Giesbrecht

Pädagogische Hochschule Freiburg, Kunzenweg 21, 79117 Freiburg

In der Ethnografie dominieren nach wie vor Berichte über erfolgreiche Feldzugänge und gelingende Forschungsergebnisse. Selten thematisiert werden hingegen gescheiterte Feldzugänge, abgebrochene Fälle oder die kontinuierlichen Anpassungen, die im Forschungsprozess an die Bedingungen des Feldes erforderlich sind. Dabei eröffnen gerade diese Fehlverläufe wichtige Einblicke in die Dynamiken des Forschungsfeldes. Damit geraten jene Aspekte ins Nicht-Thematisierte, die sich in der tatsächlichen Feldpraxis als zentral erweisen: gescheiterte Zugänge, brüchige Beziehungen oder plötzlich auflösende Settings. Der Beitrag greift diese Leerstellen auf und diskutiert Scheitern als konstitutiven Bestandteil ethnografischen Forschens.

Grundlage bildet ein mehrjähriges ethnografisch angelegtes DFG-Projekt „Osteuropäische Live-In-Hilfen in häuslichen Versorgungstriaden bei Demenz”, welches seit 2023 an der Universität Oldenburg und am Kulturwissenschaft Institut Essen (KWI) durchgeführt wird. Das Forschungsfeld ist durch besondere Vulnerabilität, moralische und rechtliche Ambivalenzen sowie hohe Fluktuation geprägt: Betreuungshilfen wechseln im Turnus von wenigen Wochen im Haushalt der zu pflegenden Personen, Versorgungsarrangements lösen sich abrupt auf, Demenzverläufe verändern Interaktionsmöglichkeiten, die Menschen mit Demenz ziehen ins Pflegeheim oder in eine Demenz-WG und nicht selten versterben sie während des Forschungsprozesses. Das Feld der Live-In-Care in Deutschland wird als Dauerkrise verstanden (Grenz et al. 2025), was auch den Forschungsprozess beschreibt. Forschende sehen sich permanent unvorhersehbaren Hürden gegenübergestellt und müssen kontinuierlich Zugangsmöglichkeiten und Beziehungen erschließen, häufig ohne, dass dies unmittelbare Ergebnisse oder Rückmeldungen liefert. Auch wenn ein Zugang zunächst gelingt, kann er häufig sehr schnell wieder abbrechen. Hinzu kommt, dass methodische oder technische Ergänzungen, wie Video- oder Fotodokumentationen, oft nicht realisierbar sind. In solchen Fällen kann das ursprünglich geplante Datenmaterial nicht erhoben werden, und das Forschungsdesign muss angepasst und umstrukturiert werden.

Der Beitrag versteht diese Erfahrungen nicht als individuelle Schwierigkeiten des einzelnen Ethnografen oder Ethnografin, sondern als analytisches Fenster in das Forschungsfeld selbst: Was zeigt sich über häusliche Versorgungsarrangements, die darin bestehenden institutionelle Rahmungen und Machtasymmetrien und ihnen unterliegenden Care-Ökonomien gerade im Moment des forschungspraktischen Misslingens? Ziel des Beitrags ist es, Scheitern nicht als Defizit, sondern als Erkenntnismoment zu verstehen, das etwas über die Struktur und Dynamik des Feldes, über Grenzen ethnografischer Präsenz und über die situierte Position der Forschenden selbst aussagt. Der Beitrag lädt dazu ein, über (vermeintliches) Scheitern im ethnografischen Kontext zu reflektieren, sowohl über das Erkenntnispotenzial, das daraus für die Analyse der Forschungsfelder entstehen kann, als auch über die Anstrengungen, Schwierigkeiten und Wege, die sich als Sackgassen erweisen und den Forschungsprozess verlängern, erschweren oder notwendigerweise verändern.