Sybille Krämer über Kulturtechniken der Verflachung

Wer im Alltag von ›Oberflächlichkeit‹ spricht, der möchte in der Regel auf Flachheit, Gehalt- oder Geistlosigkeit hinweisen. Nicht so die deutsche Philosophin und Medienwissenschaftlerin Sybille Krämer, die am Abend des 20. Juni 2024 im übervollen Gartensaal des KWI Essen ein Lob der Oberfläche anstimmte. In Ihrem Vortrag »Kulturtechniken der Verflachung und ihr schöpferisches Potenzial« argumentierte sie, dass die Erfindung bebilderter und beschrifteter Flächen ein Motor geistiger Arbeit und kultureller Entwicklung ist, der seinesgleichen sucht. Von der Hauttätowierung und Höhlenmalerei über die Erfindung von Bildern, Graphen, Karten und Diagrammen, bis zum Computerscreen und Smartphone ziehe sich eine Entwicklung, so Krämer, in der menschliche Erkenntnisarbeit überhaupt erst durch eine Projektion in die Zweidimensionalität ermöglicht wird.

Daher gehe Digitalität dem Computer auch lange voraus, ja gehe sogar Leibniz voraus, der den binären Code erfand. In einem Parforceritt durch die Kulturgeschichte des Schreibens und Rechnens zeigte die Philosophin, dass bereits die Erfindung des Alphabets und des Dezimalsystems als digitale Zeichensysteme avant la lettre begriffen werden können. So verschieben sich an diesem Abend nicht nur die historischen Räume, in denen über Digitalisierung nachgedacht werden kann, sondern auch die Zuschreibungskategorien von Mensch und Maschine. Wenn Schreiben und Rechnen nicht einzig als verstehende, geistige, also tiefe Tätigkeiten verstanden werden, sondern als technische und gerade deshalb als produktive Prozesse, dann steht nicht weniger auf dem Spiel als das Selbstverständnis der Geisteswissenschaften, in denen Hermeneutik und Interpretation gerne als Königsweg und Alleinstellungsmerkmal des Menschen gedeutet werden. Vielleicht – so gibt die Philosophin an diesem Abend zu bedenken – bilden wir im Umgang mit artifizieller Flächigkeit immer schon den Computer an uns selber aus.

Text: Mona Leinung

Einen Mitschnitt des Vortrags finden Sie zudem auf dem KWI-Youtubekanal.