Die neue Lust an der Entlarvung

Kaum ein Bild hat in den letzten Monaten so viele Hobbydetektive im Social Web auf den Plan gerufen, wie das erste Foto von Prinzessin Kate nach ihrer OP – Tausende prüften das Bild bis ins kleinste Detail auf Retuschen und den vermeintlichen Einsatz von KI. Diese „neue Lust an der Entlarvung“ (Roland Meyer), diese Art von „wilder“ Forensik war Thema des Abends „Bilder unter Verdacht“ am 26.6.24 im KWI. Der Medienwissenschaftler Roland Meyer diskutierte gemeinsam mit Gastgeberin Anja Schürmann (KWI) und Moderatorin Katja Müller-Helle (HU Berlin) sowie den geladenen Gästen Steffen Siegel (Folkwang Universität der Künste) und Sylvia Sasse (Universität Zürich) über forensische wie pseudoforensische Lektüren und die Frage nach der Wahrhaftigkeit (digitaler) Bilder.

Seit der Verbreitung digitaler Fotografie in den 1990ern sind inzwischen hochprofessionelle Verfahren entwickelt worden, um eine mutmaßliche Bildmanipulation identifizieren zu können. Mit Hilfe generativer Künstlicher Intelligenz könnten Bilder nun jedoch „komplette Fakes“ sein, seitdem stünden schlagartig alle Bilder unter Verdacht, so Meyer. Neben der professionellen Bildforensik, die rein technisch die Bilder analysiert, habe sich nun eine populäre Forensik etabliert, die online stattfindet. Diese wilde Forensik sei jedoch hoch anfällig für Manipulation, ebenso wie die „Pseudo-Forensik“, der sich Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse widmet: Sie berichtete von russischen TV-Formaten, die mittels Pseudo-Forensik gezielte Desinformation betreiben: echte Aufnahmen aus dem Ukrainekrieg werden als vermeintlich gefälscht „entlarvt“ und der Blick der Zuschauer damit bewusst im Sinne der russischen Kriegspropaganda gelenkt. Um solche Pseudo-Forensik ihrerseits aufzudecken und auch den Fallstricken der wilden Forensik  zu entgehen, bedarf es einmal mehr eines hohen Maßes an Bildkompetenz, ein Aspekt, auf den Gastgeberin Anja Schürmann ihr Augenmerk richtete. Steffen Siegel ergänzte die Debatte um ihre historiographische Dimension und die materiellen Bedingungen von Bildlichkeit, bei der schon eine falsche Lagerung oder gescheiterte Restaurierungsversuche historischer Fotografien einen hohen Einfluss auf ihre Lesbarkeit haben können.

Am Ende des Abends wurden die noch ausstehenden Fragen des fachkundigen Publikums bei einem kleinen Weinempfang weiter erörtert. Die Veranstaltung war eine Kooperation des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) mit dem SFB 1567 „Virtuelle Lebenswelten“ (RUB) und der Forschungsstelle „Das Technische Bild“ (HU Berlin). Ausgangspunkt bildete die 19.  Ausgabe der Bildwelten des Wissens und deren Thema „Bilder unter Verdacht“. Sie ist open access bei DeGruyter verfügbar.