Weil Wissenschaft immer noch als Beruf und Berufung gilt, stellt das verordnete Aufhören für Professor*innen trotz guter Pensionsaussichten häufig eine Zumutung dar. Während der Zugang zum Wissenschaftssystem vielfältig thematisiert und beforscht wird, sprechen wir nur zögernd über das Ende unserer Karrieren. Gerade von hier aus ergeben sich aber Akteurs- und Strukturfragen, die sich unter dem Druck schwindender Ressourcen zu Generationenkonflikten, Verteilungskämpfen und Gerechtigkeitsproblemen verdichten können. Bisher sind diese eher punktuell in Arbeiten aus der Hochschul- und Organisationsforschung, der Wissenschaftssoziologie und der Wissenschaftsgeschichte bearbeitet worden.
Julika Griems Vortrag ergänzt diese Studien um kulturwissenschaftliche und erzähltheoretische Perspektiven und konzentriert sich dabei auf das institutionelle Ritual der Abschiedsvorlesung und ihre narrativen Affordanzen. Sie ergänzt die Analyse dieses faktualen Genres um eine Lektüre des letzten Bandes von J. J. Voskuils Institutionenroman-Saga Het Bureau, einer fiktionalisierten Mikrosoziologie des Alltags eines volkskundlichen Forschungsinstituts. Wie reale akademische Akteur*innen findet auch Voskuils tragikomischer Anti-Held Maarten Koning Mittel und Wege, um am Ende nicht aufhören zu müssen. Aus diesen lässt sich ein Repertoire von Formen rekonstruieren, mit denen die Verlaufsmuster akademischer Lebensläufe auf Proben von Sinnstiftung gestellt werden. Zur Diskussion wird auch stehen, wie sich unterschiedliche Materialtypen wie z. B. Antrittsvorlesungen, Interviews, Lebensläufe, Nachrufe, Anekdoten und literarische Quellen in einer interdisziplinären Analyse integrieren lassen.
Über die Konferenz „Aufhören. Können“ (10.06.2026 – 12.06.2026)
Zum Auftakt des ifk Schwerpunkts Vor den letzten Dingen widmet sich die Konferenz den Schwierigkeiten und Freuden des Aufhörens. Hans Magnus Enzensberger hoffte 1989 auf mehr gesellschaftliche Anerkennung für »Helden des Rückzugs«, die er etwa in Michail Gorbatschow verkörpert sah. Das derzeitige politische Personal kultiviert hingegen oftmals – nicht nur geschlechterpolitisch problematisch – männlichen Dezisionismus und Aussitzen statt aufrechten Abgang. Auch in anderen machtimprägnierten Bereichen fällt das Aufhören schwer: So etwa das Beenden einer kohlenstoffbasierten, extraktiven Form der Energiegewinnung und des Wirtschaftens. Es fehlt zwar nicht an wissenschaftlichen Nachweisen dafür, dass, wenn man einfach weitermacht, viele Systeme kollabieren werden, Rückzug, gewählte Abstinenz oder Verzicht, um dem Zusammenbruch zu entgehen, erweisen sich aber vielerorts als unpopulär. Es scheint daher an der Zeit, sich eingehender mit der Kultivierung von Praktiken des Beendens im Kapitalozän zu befassen; mit ihrer Geschichte, mit ihren Wissensvoraussetzungen, ihren Selbsttechniken oder mit den Interdependenzen zwischen Theorieproduktion, Systemen und Praktiken. Wie sehen solche Praktiken, im Großen und im Kleinen, aus? Was gehört dazu und was braucht es, um sie zu lernen und einzuüben – und umgekehrt andere zu verlernen? Und nicht zuletzt ist Aufhören nicht nur eine Zivilisationstechnik, sondern mitunter auch eine Kunst.