In Abgrenzung von der „Dortmunder Gruppe 61“ wurde 1970 der „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ als Versuch einer Neuinstitutionalisierung von Arbeiter:innenliteratur in der BRD gegründet. Er kann nicht zuletzt in einer langen Kultur- und Sozialgeschichte verortet werden, in der immer auch literarisch mitbedingt war, ob die Figur der Arbeiterklasse, des Proletariats, der arbeitenden Klasse usw. als eher vielfältig und inklusiv oder als eher homogen und exklusiv konstituiert wurde. Seit 1973 erschienen Publikationen des „Werkkreises“ in einer eignen Reihe im Fischer Taschenbuchverlag. Ein auffälliges Merkmal dieser Reihe besteht darin, dass verschiedene, u.a. nach Geschlecht, Migration oder Alter unterschiedene Gruppen der arbeitenden Klasse durch einzelne Anthologien konturiert wurden. Der Vortrag diskutiert die 1973 in der Fischer-Buchreihe erschienene und mehrfach aufgelegte Anthologie Liebe Kollegin. Texte zur Emanzipation der Frau in der Bundesrepublik als Medium der Verhandlung unterschiedlicher sozialer Positionen arbeitender Frauen an den Schnittpunkten von Klasse und Geschlecht, von Lohn- und Reproduktionsarbeit. Während sich Frauen in der Anthologie mithilfe verschiedener literarischer Genres selbst öffentlich artikulieren, wird ihr Schreiben zugleich durch literaturprogrammatische und gesellschaftstheoretische Paratexte reguliert. Der Vortrag untersucht das Zusammenspiel zwischen den kurzen Texten und Paratexten, durch welches ein Bereich des Sichtbaren innerhalb der literarischen Gegenöffentlichkeit des „Werkkreises“ zugleich eröffnet und begrenzt wird. Dabei soll das Material nicht zuletzt auch dazu genutzt werden, die Vor- und Nachteile der Begriffe der Diversität und Heterogenität für die Analyse der Anthologie, aber auch des literaturpolitischen Projektes des „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ grundsätzlich zu reflektieren.
Christoph Schaub ist Privatdozent (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft) an der Universität Vechta und im Sommersemester 2026 Thyssen Fellow am KWI Essen. Nach der Promotion (2015) an der Columbia University hatte er Postdoc-Stellen an der Columbia und der Duke University inne und war anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Professurvertreter in Germanistik und Kulturwissenschaften an der Universität Vechta tätig, wo er sich im Jahr 2025 habilitierte. Seit 2023 kooperiert er als Forschungsgruppenmitglied am ZfL Berlin im Rahmen des Horizon Europe-Projektes „The Cartography of the Political Novel in Europe“ und ist seit 2024 Research Affiliate im International Partnership Project „Deindustrialization and the Politics of Our Time“. Er ist Autor von Proletarische Welten. Internationalistische Weltliteratur in der Weimarer Republik (De Gruyter 2019) und von Weltentwürfe in Kurzprosa. Gegenwartsliteratur zwischen Globalisierung und Klimakrise (De Gruyter, Publikation Ende 2026/Anfang 2027).
Über das Symposium „Heterogenität“ vom 13.-14.04.2026
Der Lehrstuhl Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Heterogenitätsforschung lädt herzlich zu einem Symposium mit Autor:innenlesung ein. Im interdisziplinären Austausch diskutieren wir den Begriff der ‚Heterogenität‘: mit Blick auf theoretische Implikationen, methodische Konzepte und verschiedene Anwendungsbereiche sowie in seinen Abgrenzungen und Überschneidungen zu Begriffen und Konzepten wie zum Beispiel ‚Diversität‘, ‚Inklusion‘, ‚Intersektionalität‘, ‚Transnationalität‘. Ausgehend von der Verhandlung von Begriffsunterschieden und -anwendungen in der Germanistik geht es um die Ergänzung des Diskussionsfeldes durch Beiträge von Kolleg:innen aus den Kultur-, Bildungs-, Rechts- und Naturwissenschaften, die zu den Begriffen Heterogenität, Diversität, Differenz und Ambiguität aus ihren jeweiligen Disziplinen reflektieren. Integraler Bestandteil sind Forschungsfelder wie Gender und Queer Studies sowie kulturelles Gedächtnis. Auch wird Fragen der sinnvollen interdisziplinären Zusammenarbeit und Vernetzung, der Verknüpfung gegenwärtiger und historischer Fragestellungen sowie der Archivarbeit nachgegangen. In diesem Rahmen wird das am Lehrstuhl angesiedelte transnationale Literaturarchiv vorgestellt. Geplant ist eine Sammelpublikation der Beiträge, um den aktuellen Stand der interdisziplinären Heterogenitätsforschung sichtbar zu machen.