Diskussion über Intellektuelle in der Postkolonie mit Yvonne Albers und Onur Erdur

Ausgehend von ihren aktuellen, viel besprochenen Büchern haben die Kulturhistorikerin und Arabistin Yvonne Albers und der Kulturwissenschaftler Onur Erdur am 6. Juni am KWI die Figur des Intellektuellen in der postkolonialen Situation einer Historisierung unterzogen. Sie räumten dabei mit vielen Klischees auf. Erdur rückte mit seiner Schule des Südens (Matthes & Seitz Berlin) die verdrängten kolonialen Wurzeln der französischen Theorie ins Zentrum – etwa Jacques Derridas und Hélène Cixous jüdisch-algerische Herkunft oder Pierre Bourdieus Wehrdienst und anschließende Forschungstätigkeit in Algerien. Albers stellt mit Beirut und die Zeitschrift Mawaqif  (Brill Fink) ein zentrales Organ arabischer kultureller Selbstverständigung nach der Niederlage im Sechstagekrieg vor. Mawaqif hatte unter seinem Gründer, dem wichtigen syrischen Dichters Adunis, sowie einer wechselnden Herausgebergruppe zu der etwa die syrische Literaturkritikerin Khalida Said und kurzfristig auch der palästinensische Theoretiker Edward Said gehörten, immer wieder in Zwiesprache mit der französischen Philosophie vom Existenzialismus bis zum Poststrukturalismus nach der Rolle der Intellektuellen im Nahen Osten und der Geschichte wie den Potenzialen einer arabischen Moderne gefragt. Beide betonten, dass monolithische Bezeichnungen wie die postkoloniale Theorie, den vielfach widerstreitenden, oft selbstkritischen und sich im historischen Kontext und transkulturellen Austausch wandelnden Positionen nicht gerecht werden. Neben vielen produktiven Berührungspunkten zwischen Frankreich, dem Maghreb und dem Nahen Osten schienen im Gespräch allerdings auch zahlreiche gescheiterte Begegnungen auf; etwa dort, wo die französischen Philosophen zwar antikolonial auftraten, aber die Bedingungen ihrer eigenen, oft komfortablen Aufenthalte in den ehemaligen Kolonien kaum zum Gegenstand des Nachdenkens machten. Für die arabische Rezeption ihrer Werke interessierten sie sich wenig, was aufseiten der arabischen Intellektuellen immer wieder für Ernüchterung sorgte.

Text: Morten Paul

Lesen Sie hier Yvonne Albers Diskussion des arabischen Nahen Ostens im „globalen 1968“ auf der Seite der Heinrich-Böll-Stiftung.

Hören Sie hier einen Beitrag Onur Erdurs zum Dekolonisierungs-Theoretiker Frantz Fanon und der Last der Sprache.

In der neuen Folge des Mittelweg 36-Podcasts spricht Jens Bisky mit Onur Erdur über Schule des Südens.