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10.03. – 12.03.

Arrangements und Politiken des Komischen

Jahrestagung des DFG-Netzwerks Comic Literacies – Kulturtechniken des Komischen

Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Komische entfaltet sich auf unendlich vielfältigen Wegen. Immer kommt es dabei zu fein austarierten Arrangements verschiedener Codes und Kanäle, Medien und Materialitäten, Objekte, Körper und Bedeutungen in spezifischen Raum- und Zeitregimes; nicht nur in der strategischen Inszenierung von Komik, sondern auch in sich spontan und/oder zufällig ereignenden Komikmomenten. Dabei können – teils durch virtuose Orchestrierung – verbale und non-verbale, textuelle, visuelle oder akustische Elemente zu Arrangements des Komischen zusammentreten bzw. ihrerseits als komische Arrangements spürbar werden. Wo gelacht wird oder gelacht werden soll, geht es um Fragen der performativen Operationalisierung, ein gekonntes Ins-Verhältnis-Setzen sprachlicher Patterns und akrobatischer Bewegungsmuster, um die pointierte Ausstellung des gleichermaßen Erwartbaren wie Überraschenden, um eine irritierende, wiewohl als belachenswert markierte Ver- und Entknüpfung von Handlungselementen, um die Kombination von (vermeintlich) Unzusammenhängendem, um perfektes oder gescheitertes Timing, um ein Spiel mit Taktung und Taktlosigkeit, mit Abläufen und ihrer Störung.

Scheitern etwa kann nur dann zu genuin komischem Scheitern im Zeichen fremdbestimmter Körperlichkeit avancieren, wenn es auf das Widerspiel von Spontaneität und Inszenierung, von Unmittelbarkeit und Redundanz/Rekurrenz durchsichtig wird. Eindrücklich vor Augen führt dies das elfmalige Stolpern des Butlers James (alias Freddie Frinton) über den Kopf eines Tigerfells in Dinner for One (1963 [1934]; L. Wylie); ein wenig origineller (aber gleichwohl buchstäblicher) running gag, dessen kunstvolles Arrangement spätestens dort offenkundig wird, wo Repetition und Variation ineinander umschlagen, wo also der zunehmend alkoholisierte James zur eigenen Überraschung einmal dem Tigerfell auszuweichen vermag, dann aber auf dem Rückweg strauchelt, schließlich distinguiert darüber hinwegschreitet und am Ende volltrunken darüber springt.

Derlei tief im Gedächtnisarchiv des Komischen verortete Szenarien beruhen auf einer glücklichen Fügung zwischen produktionsästhetisch brillanter Darstellung und dem wirkungsästhetischen Angebot, ebendiese Darstellung mittels entsprechender comic literacy voll auskosten zu können. Die Arrangements, um die es der zweiten Jahrestagung des DFG-Netzwerks Comic Literacies – Kulturtechniken des Komischen zu tun ist und zu deren Untersuchung wir anregen, operieren somit beidseitig: Sie bedürfen zum einen der kreativen Performanz komplexer oder gezielt reduzierter, räumlich und zeitlich vielfach gerahmter Dramaturgien und Choreographien. Zum anderen adressieren sie – gemäß dem Zugang des Netzwerks – die kulturtechnische Kompetenz, das komisch Arrangierte in seinem Affizierungspotential zu aktualisieren. Hier zielt die Tagung auf Mikroanalysen spezifischer Strukturprinzipien in Literatur, Film und Serie, in Theater, Oper und Musik, in Kabarett, Stand-Up-Comedy oder der Vielfalt netzbasierter Formate (Reels, Memes etc.).

Ein maßgebliches weiteres Anliegen der Tagung ist es, das Konzept des Arrangements vom engen ästhetisch-artistischen Verständnis – mitsamt mannigfachen Ausdifferenzierungen in den verschiedenen Künsten – auf eine soziokulturelle und, vielleicht dezidierte noch, auf eine politische Dimensionalität zu öffnen. Zum Lemma dieser Öffnung taugt womöglich Michel Foucaults schillernder Terminus des ‚Dispositivs‘ (Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 119f.). Als „heterogenes Ensemble“ aus Gesagtem und Ungesagtem, aus Diskursen, Medien und Institutionen, aus Regularien, gouvernementalen Praktiken und Selbsttechniken integrieren Dispositive nicht zuletzt auch die Konventionen und Transgressionen des Komischen. Dieses kann sich dabei sowohl als Phänomen alltagskultureller Interaktion, z.B. als ausgetauschter Witz, aber auch als durchgestaltetes Artefakt bzw. als aufwändig produzierte Aufführung vor Publikum zeigen.

Arrangements solcherart als Dispositive aufzufassen, erschließt neben der beschriebenen mikrologischen Perspektive eine Makroebene der Komik-Produktion und Komik-Rezeption, auf welcher dann auch Überlegungen zur soziologischen, medientechnologischen, ökonomischen und eben politisch-ideologischen Rahmenpragmatik verhandelt werden können. Es erlaubt darüber hinaus, der heute mehr denn je brisanten Beobachtung nachzugehen, dass sich mit gewissen Arrangements des Komischen unweigerlich Machteffekte und Machtverhältnisse verbinden, dass diese gezielt intendiert werden oder sich in besagtem Ensemble intervenierender agencies schlichtweg einstellen.

Denn ebenso wie das Komische selten völlig schmerzfrei über die Bühne geht und ungeachtet des aristotelischen Postulats mitunter gemeinsame Sache mit dem Abgründigen, Exzessiven, Abjekten, jedoch auch Tragischen und Melodramatischen macht, sind die es erzeugenden Kompositionsregimes niemals unschuldig oder uninteressiert. Noch dort, wo sie Kunstfertigkeit oder Kontingenz hervorkehren, nehmen komisierende Arrangements immer auch Bezug auf normative Ordnungsmuster, sozioökonomische Hierarchien, ja sogar biopolitische Disziplinierungen. Sie steuern Blickrichtungen und filtern somit Wahrnehmung, sie verteilen Redeanteile und bringen demnach zum Sprechen oder zum Verstummen, sie priorisieren und marginalisieren Verhaltensmuster, Lebensstile oder Gender-Rollen, sie prämieren oder stigmatisieren gewisse Körperlichkeiten, Hautfarben oder Herkünfte, kurzum: Sie aktivieren, gewollt oder ungewollt, allerlei biases und Zurichtungen, derer sich das Spiel komischer Ambiguitäten mit zuweilen problematischen Konsequenzen bedient.

Es ist dieser, im weiten Sinn politische impact komischer Arrangements, zu dessen Erkundung die interdisziplinäre Tagung des Netzwerks alle (film-, kultur-, literatur-, medien-, musik- und theaterwissenschaftlich, aber auch linguistisch, soziologisch und ethnologisch) Interessierten herzlich einlädt.

Weitere Informationen bieten der Call for Papers und die Homepage des Netzwerks.