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24.09.

Mi / 09:00

Beobachten, benennen, (nicht) eingreifen? Zur Verantwortung soziologischer Forschung zu Live-in-Care bei Demenz

Präsentation im Rahmen des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Sozio­lo­gie (DGS) vom 22.-26.09.2025 an der Universität Duisburg-Essen | Campus Duisburg

Nadine Giesbrecht (KWI)

Universität Duisburg-Essen, Campus Duisburg: LC 140, Forsthausweg 2, 47057 Duisburg

Die häusliche Versorgung von Menschen mit Demenz durch osteuropäische Live-in-Hilfen ist ein verdichteter Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse – entlang von Geschlecht, Klasse, Migration, Gesundheit und Alter. Im ethnografisch angelegten Forschungsprojekt zu diesen Versorgungsarrangements beobachten wir, wie prekäre Arbeitsbedingungen, emotionale Anforderungen, moralische Ambivalenzen und politische Unsichtbarkeit miteinander verschränkt sind.
Diese Verschränkungen werfen drängende Fragen auf: Welche Verantwortung trägt die Soziologie, wenn sie auf derartige strukturelle Missstände trifft? Was bedeutet es, in einem Feld zu forschen, das sich nicht nur durch komplexe Abhängigkeiten, sondern auch durch Marginalisierung auszeichnet? Und wie kann wissenschaftliche Analyse differenziert und kontextsensibel bleiben, ohne in Paternalismus zu verfallen oder strukturelle Probleme zu normalisieren?
Gleichzeitig steht engagierte Forschung in Live-in-Care-Kontexten vor einem weiteren Dilemma: Sollen – und wenn ja, welche – politische Handlungsempfehlungen aus der Forschung abgeleitet werden? Als Soziolog*innen können wir beobachten, analysieren und beschreiben, wie Live-in-Arrangements im Alltag gestaltet werden. Wir machen sichtbar, was funktioniert – und was nicht. Doch lassen sich daraus politische Handlungsempfehlungen ableiten?
Zudem bewegt sich die Live-in-Care Forschung in einem vielstimmigen, teils widersprüchlichen Feld mit unterschiedlichen politischen Erwartungen und Interessen. Die soziologische Forschung steht hier vor der Herausforderung, sich nicht vereinnahmen zu lassen und zugleich analytisch zu benennen, was empirisch sichtbar wird – auch wenn dies nicht allen Interessen entspricht.
Der Beitrag diskutiert engagierte Wissenschaft in der Live-in-Care Forschung jenseits von Aktivismus oder Zurückhaltung – als eine Praxis des wachen Beobachtens, verantwortlichen Beschreibens und analytischen Einordnens. Im Zentrum steht die These, dass soziologische Forschung nicht unpolitisch ist, selbst wenn sie keine direkten Handlungsempfehlungen formuliert. Ihre Stärke liegt möglicherweise gerade darin, Komplexität sichtbar zu machen – und damit eine Grundlage für politische, ethische und gesellschaftliche Entscheidungen zu schaffen, ohne sich selbst zum politischen Akteur zu machen.