Dörfer sind in der Literatur derzeit omnipräsent – vielleicht weil Dorfromane prädestiniert scheinen, die eigene Herkunft, die eigene Situiertheit und die eigenen Vorstellungen vom Leben auszuhandeln, und weil ebendiese Vorstellungen, gerade in der spezifischen Konfrontation mit dem Dorf (vor der Folie von Klima, Vergangenheitsbewältigung und Tourismus), oftmals prekär werden. Gesichtet wurde ein breites Korpus an Texten, die eines gemein haben: das norddeutsche Dorf. Dieses ist zumeist in Schleswig-Holstein zu verorten, im Nordfriesischen, teils auf dem Festland, teils auf den Inseln (wodurch der Dorf- zugleich zum Inselroman wird) – mit einem Ausflug ins Niedersächsische (Hermann, Hansen, von Bremen, Höller, Bohm, Bilkau, Ziebritzki, Behm). Das größere Textkorpus dient dazu, die narrativen Linien des Erzählens über norddeutsche Dörfer in den letzten fünf Jahren zu bestimmen. Die Dorfromane von Hermann bis Behm legen aufgrund ihrer regionalen Spezifik nahe, eine literaturgeographische Perspektive vornehmlich auf den sense of place der Regionen und Texte auszurichten. Mit Blick auf das fiktionalisierte Norddeutschland als besonderer (natur-)kultureller Grenzraum lässt sich diskutieren, inwiefern sich die Literatur stärker an die Ränder, in die Grenzregionen, in denen es leerer wird, bewegt.
Über den Workshop
Der Workshop „Dörfer Europas. Provinzialität im Spiegel europäischer Gegenwartsliteraturen“ untersucht die Bedeutung und Darstellung von ländlichen Räumen in der europäischen Gegenwartsliteratur. Trotz eines oft negativen Images gewinnen Dörfer und Provinz in einer zunehmend globalisierten Welt an Bedeutung, da sie als Mikrokosmen gesellschaftlicher, kultureller und politischer Prozesse fungieren. Der Workshop beleuchtet, wie lokale Strukturen im Kontext europäischer Identität, Glokalisierung und regionaler Vielfalt verhandelt werden. Dabei werden Fragen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden europäischer Provinzliteraturen, ihrer Rolle im europäischen Selbstverständnis sowie aktuellen Herausforderungen durch Nationalismus und Regionalismus diskutiert. Ziel ist es, die vielfältigen Verknüpfungen zwischen Lokalität und Europa literarisch zu analysieren und europäische Verständnisse von Provinzialität vergleichbar zu machen.