20.06.

Do / 17:00 – 18:00

Neuer und alter Adel: Ferdinand Tönnies als Elitentheoretiker

Teil der multilingualen Konferenz „Assenheim: une communauté indépendante et inclusive à l'interface des sciences et de la société" an der Université Lumière Lyon 2

Alexander Wierzock (KWI)

Espace Marc Bloch, Maison des Sciences de l’Homme Lyon-Saint Etienne, 14 avenue Berthelot, 69007 Lyon

Der Adel stellt im Werk des Soziologen Ferdinand Tönnies eine schillernde wie ambivalente Größe dar: Erstens begriff er diesen als sozialanalytische Kategorie, mittels der er nicht nur den historisch-kulturell diversen Geburtsadel, sondern auch die kapitalistische Reichtumsherrschaft, den oligarchischen Neuadel, zu beschreiben pflegte. An beiden Gruppen beobachtete der Wissenschaftler dabei wechselseitige Imitationsprozesse, wobei er vom traditionellen Adel mit seinen performativen Residenzen und den Fürsten- und Grafentiteln charismatische Anziehungskräfte ausgehen sah. Zweitens stand Tönnies dem Adel als demokratischer Intellektueller äußerst feindlich gegenüber. Dementsprechend bildeten für ihn die grundbesitzenden Adelsfamilien, die Dynastien der Gliedstaaten des Deutschen Reiches und an der Spitze die kaiserliche Monarchie der Hohenzollern zu keinem Zeitpunkt nationalintegrative Bezugsgrößen. Drittens besaß der Adelsbegriff für Tönnies allerdings auch eine utopisch-imaginative Potenz, die sich etwa in seinen Beschwörungen eines neuen Wissensadels, der Aristokratie des Geistes, entfaltete. Hierunter verstand Tönnies keineswegs bloß eine Wissens-, sondern gleichzeitig auch eine zu erzeugende Wert- und Charakterelite, die er für berufen hielt, ein an Geist reiches demokratisches Europa aufzubauen. Dieser neue Wissensadel konnte dabei seiner Ansicht nach gerade durch eine Koalition mit dem älteren Geburtsadel an Kraft und Einfluss gewinnen.