06.03. – 07.03.

Workshop: Das war’s.

Praktiken und Ästhetiken des Aufhörens

Kulturwissenschaftliches Institut Essen, Gartensaal
Goethestr. 31, 45128 Essen

Der Workshop steht im Kontext der gesellschaftlichen sowie ästhetischen Problematiken des Schließens, des Aufhörens und des Beendens, die Teil der mannigfaltigen Krisen der letzten Jahre waren. Man denke an das ‚Ende‘ der Pandemie, des Kapitalismus und der Globalisierung sowie die zunehmende Erschöpfung natürlicher Ressourcen. Apokalyptische und katastrophische Szenarien, letzte Generationen sowie Formen der Ausrottung und des Aussterbens bestimmen nicht nur die gegenwärtige Lage, sondern durchziehen auch die öffentliche Debatte – nicht zuletzt, weil sich die Frage nach dem Aufhören mit Aspekten des Über- und Weiterlebens verbindet.

Der Workshop wählt einen Zugang, der sich dem Aufhören nicht ausschließlich themenbezogen, sondern stärker praxeologisch nähert. Wir interessieren uns weniger für Narrative vom Ende, für die Diagnosen thematisch kontingenter Enden oder für das Ende als Denkform (vgl. Stierle/Warning 1996), sondern für das Aufhören als ein praktisches Problem. Wir beginnen also damit, dass wir zunächst einmal von der Unwahrscheinlichkeit eines Endes ausgehen. System- und differenzierungstheoretische Gesellschaftstheorien zeigen, dass sich in modernen Gesellschaften unterschiedliche zeitliche Ordnungen ausdifferenzieren, die sich nur schwer synchronisieren lassen: Das Ende des Einen ist der Anfang des Anderen. Alle Formen sozialen Handelns sind zudem in Routinen und Gewohnheiten eingelassen, die sich auch durch ihre Trägheit auszeichnen. Routinen präferieren Anschluss und diskriminieren den Abschluss. Ihre Funktion liegt darin, dass soziale Praxis weitergeht. Und schließlich lassen sich mit Blick auf gesellschaftliche Funktionslogiken nur schwer externe „Stoppregeln“ (Nassehi 2021, S. 212ff.) angeben, die limitieren könnten, ab wann z.B. genug Gewinn gemacht, Macht akkumuliert, geforscht oder geliebt wurde. Nicht nur für den Exzess und alle Formen von Abhängigkeit gilt deshalb: Aufhören ist schwierig.

Umgekehrt wird das Aufhören damit in praxeologischer, epistemologischer und poetologischer Hinsicht untersuchbar (vgl. Kermode 2000). Es unterliegt dabei überindividuellen Kriterien, institutionellen Rahmen, medialen Formaten und gesellschaftlichen Erwartungen – und damit ist es ein Sachverhalt, der gelingen oder auch misslingen kann. Dem Aufhören wohnt zudem eine poetologische Dimension inne. Schlussformeln sind konkret an verschiedene Ausprägungen künstlerischer Formbildung gekoppelt, und zwar bei der Frage danach, wann und wie man einen Text, einen Film oder einen Song beendet und ob es so etwas wie ein passendes Ende des Textes, der Reihe oder des Werkes gibt (vgl. Hernstein Smith 1968). Literaturhistorisch lassen sich einige konstante Schlussformen wie der parabolische Schluss, die moralische Sentenz oder das Happy End nennen (vgl. Simons 2022). Welche Funktion erfüllt das Aufhören – auch in Korrelation zum Anfangen – abseits der trivialen Feststellung, dass Texte endlich sind und also beendet werden müssen? Gerade im Kontext von Autobiographie und Life Writing avanciert das Aufhören (etwa mit einer bestimmten lebensweltlichen Praxis) zum Ausgangspunkt eines neuen Anfangs, der zugleich den Erzählakt selbst motiviert, also auch ein strukturelles textliches Moment ist. Vom Aufhören zu erzählen, hebt dieses kurzfristig auf. Wie lässt sich hierbei das serielle Erzählen als formspezifisches Spielen mit dem Aufhören konturieren? Was bedeutet es, wenn sich Texte in anderen Medien fortsetzen, etwa als Hörbuch, Theaterstück oder Computerspiel? Nicht zuletzt lenkt das Aufhören den Blick auf editionsphilologische Frage- und Problemkonstellationen. Schließen „endgültige Ausgaben“ oder „Ausgaben letzter Hand“ wirklich ab oder artikulieren sie vor allem einen quasi-moralischen Anspruch auf Endgültigkeit?

Neben solche ästhetischen Problematiken des Endes sollen Praktiken des Aufhörens und Abschließens in unterschiedlichen sozialen Feldern und Kontexten in den Blick rücken. Man denke z.B. an Canceln und Ghosting, die Schwierigkeiten des Rücktritts oder Beendens einer Karriere, eines eingefahrenen Konflikts oder lebensverlängernder medizinischer Behandlungen, an Abschiedsrituale, Abschlussformeln sowie Verfahren und Kulturtechniken des Aufhörens. Was bedeuten etwa in werktheoretischen Kontexten Zuschreibungen wie das ‚Alterswerk‘ oder ‚Spätwerk‘ – oder, wie aktuell im Falle Paul Austers, auch das ‚letzte Werk‘ (u.a. Wroe 2023) –, wenn sie vom Schreibenden selbst oder der Kritik so formuliert werden? Auch in der akademischen Welt wird aufgehört: Das Format der Abschiedsvorlesung markiert eine Praxis des mitunter breit zelebrierten Aufhörens im gewohnten Rahmen akademischer Arbeit. Außerdem verbindet sich das Nachdenken über das Aufhören und Beenden mit einer Reihe von Rhetoriken und Diskurspraktiken, die nicht nur einen demonstrativen Charakter haben. Gerade in Bezug auf das wissenschaftliche Argumentieren zeigt sich, dass die Frage nach dem Aufhören die textuelle Verfasstheit der Gedanken selbst tangiert – wann und wie beendet man das Argument, gibt es immanente Schlussstellen? Inwiefern lässt sich in der wissenschaftlichen Arbeit überhaupt aufhören, wie korreliert das Aufhören mit der Logik der Wissenschaften selbst, nach der kein Gegenstand auserforscht sein kann?

Mögliche Untersuchungsfelder:

  • ästhetische, wissenschaftliche, juristische, religiöse, politische, ökonomische, medizinische Praktiken des Aufhörens

  • Epistemologien des Endes: Anfang und Ende, Zäsuren, Epochen, Perspektivendifferenzen und (Un)Gleichzeitigkeiten

  • Absagen, Ab- und Rücktritte, Abschiede, Kündigungen, Abschlussberichte

  • literarische Gattungen, Medien, Formate und Verfahren des Aufhörens und Abschließens (Life Writing, Sucht- und Trennungserzählungen)

  • Kulturtechniken des Aufhörens: Periodisieren, Unterbrechen, Fortsetzen, Serien

Zum Call for Papers und Literaturangaben (PDF)