Unter dem Titel „Rote Linien“ untersuchen wir im Jahr 2026/2027 Denkfiguren, die Grenzen mit Signalwirkung setzen. Mit welchen machtpolitischen und ästhetischen Verfahren werden rote Linien gezogen und zu welchem Zweck? Wie werden sie überschritten, ignoriert oder verteidigt? Wohin führen sie und inwiefern lässt sich auf ihnen als „thin red line“ überhaupt Halt finden?
Rote Linien markieren geographische und geopolitische Areale genauso, wie sie Räume des Möglichen und Sagbaren scheiden. Aktuell zeigt sich dies in der Kulturalisierung gesellschaftlicher Konflikte: Politische Auseinandersetzungen werden zunehmend als „Kulturkämpfe“ inszeniert, in denen rote Linien Lagerbildung in Gestalt unversöhnlicher Leitdifferenzen begünstigen. Im Rahmen des Jahresthemas geht es uns auch um die historische Einordnung dieser Zuspitzungsdynamiken.
Zudem indizieren rote Linien zeitliche Verläufe: Denkt man an Klimakurven oder Aktienkurse, versprechen rote Linien Aufschluss über vergangene oder prognostizierte Entwicklungen. Wieder andere Varianten begegnen uns in den roten Fäden von Schreibprozessen, die im Sinne der Leseführung eine zeitliche Komponente haben und zugleich metaphorisch die Navigation des Textes versprechen. Rote Linien manifestieren sich in Texten und Bildern bisweilen auch ganz konkret in editorischen Praktiken, wenn Verworfenes rot durchgestrichen oder Unverständliches rot unterkringelt wird.
Rote Linien scheinen unübersehbar und warnen vor Überschreitung, sie laden aber zugleich dazu ein, sie zu touchieren und zu übertreten. Als Bezeichnungen und Markierungen stellen sie somit nicht allein Begrenzungen dar, sondern immer wieder auch Anlässe, sich über ihre Missachtung zu erregen und auszutauschen – als Strukturelemente von Diskursbildung, von Debatten und Kontroversen. In den Veranstaltungen des Jahresthemas möchten wir uns mit Gästen auf der Bühne und im Publikum gemeinsam auf Expeditionen begeben: entlang verschiedener roter Linien, immer auf beiden Seiten der Unterscheidung.