18.09. – 20.09.

Workshop: Was war Faschismustheorie?

Epistemologie, Poetik und Medialität einer heterodoxen Gattung

Morten Paul und Stefan Höhne (Organisation)

Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal, Goethestr. 31, 45128 Essen

2019 erschienen Klaus Theweleits monumentale Männerphantasien (1977/78) nach vierzig Jahren neu. Im gleichen Jahr wurden Theodor W. Adornos Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ (1967) und Zeev Sternhells Aufsatz „Faschistische Ideologie“ (1976) in günstigen Taschenbuchausgaben veröffentlicht. 2021 folgte Leo Löwenthals umfangreichere Studie Falsche Propheten (1949) im gleichen Format. Die alten Texte sollen die neue Situation aufschlüsseln. Im Feuilleton finden sie ein enormes Echo. Das erstaunt, schien doch die gegenwartsdiagnostische Verwendung des Faschismusbegriffs spätestens in den 1980er Jahren überholt. Infolge des Erfolgs rechtspopulistischer Parteien und autoritärer Politiken erlebt sie derzeit jedoch eine neue Konjunktur. Der Workshop „Was war Faschismustheorie? Epistemologie, Poetik und Medialität einer heterodoxen Gattung“ widmet sich ausgehend von dieser Beobachtung der über hundertjährigen Geschichte der Faschismustheorie.

Da von den faschistischen Bewegungen von Beginn an Gewalt ausging, wird in diesen Theorien das Verhältnis von Verstehen und Verhindern zur drängenden Frage. Das lenkt den Blick auch auf ihre eigene Beschaffenheit. Aspekte der Form und Medialität von Theorie rücken ins Zentrum. Welchen Umgang fand sie mit der unheimlichen Anziehungskraft faschistischer Ästhetik und Politik? Ein solcher Umgang schien auch deshalb notwendig, weil mit dem Faschismus ein für das aufklärerische Denken hochgradig irritierendes Phänomen zu erklären war. Mit der Aufmerksamkeit für dessen (auto-)destruktiven Grundzug werfen Faschismustheorien nämlich ein grelles Licht auf die abgründige Seite der europäischen Moderne. Sie betonen Kontinuitäten und geben so Antworten auf ein oft verdrängtes Rätsel der politischen Philosophie: Warum wollen wir unsere eigene Unterwerfung?

Zugleich macht die Historisierung den Zeitindex dieser Theorien selbst sichtbar: Welchen Platz nahmen sie vor und während den faschistischen Machtübernahmen in der Gesellschaftstheorie ein? Wie veränderten sie sich nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieg und dem Wissen um die Shoah? Welche Rolle spielten sie für Aktivismus und Kunst im politischen Aufbruch der 1960er Jahre? Wieso entfaltete der Faschismusvorwurf schließlich eine so durchschlagende Wirkung, dass es zwischenzeitlich scheinen konnte, als ließe er sich auf alle Probleme des 20. Jahrhunderts wenden? Und warum kam er ebenso plötzlich wieder aus der Mode? Der ideengeschichtliche Blick auf Faschismustheorien ist einerseits mit dem Anspruch verbunden, allzu einfache Übertragungen zu verkomplizieren. Er will andererseits Anschlussmöglichkeiten für die Analyse gegenwärtiger politischer Prozesse und Akteure aufzeigen. Angesichts der Virulenz von Antisemitismus und Rassismus, von Misogynie und Queerfeindlichkeit auch für aktuelle reaktionäre Formierungen erscheinen Versuche der Erneuerung von Faschismustheorie jedenfalls unumgänglich.

Faschismus im 21. Jahrhundert: Brauchen wir neue Theorien?

Öffentliche Abendveranstaltung des Workshops „Was war Faschismustheorie? Epistemologie, Poetik und Medialität einer heterodoxen Gattung“
Referent*innen: Luce deLire, Alex Demirović, Tatjana Söding
19. September 2024, 18:30 Uhr, KWI Essen, keine Anmeldung erforderlich.