Ausgestellte Schamlosigkeit und Mechanismen der Beschämung prägen unsere Gegenwart. Doch vor nicht allzu langer Zeit wurden gerade vermeintlich schambehaftete Aktivitäten durch vergnügte Geständnisse in Szene gesetzt. Der Genuss von Rom-Coms, Reality-TV oder Fast Food wurde dabei als „Guilty Pleasure“ gerahmt. Doch obwohl sie als selbsterklärend gelten, erweisen sich Guilty Pleasures bei genauerer Betrachtung als ambivalent oder gar widersprüchlich: Handelt es sich um schambehaftete, aber eigentlich recht unschuldige Praktiken und somit letztendlich unverfängliche Gesprächsthemen? Oder verweisen Guilty Pleasures auf machtvolle Disziplinierung und lustfeindliche Regime? Wirkt die Thematisierung von vermeintlich statusinkonsistenten Guilty Pleasures subversiv, oder betont sie nicht gerade Distinktion durch gezielte Auf- und Abwertungen?
Diskussionen um Guilty Pleasures verweisen verspielt und zugleich kritisch auf Fragen des legitimen Geschmacks sowie Unterscheidungen von Hoch- und Massenkultur. Sie rufen dabei kanonische Kategorisierungen der Soziologie und Ästhetik auf, die sie auch und gerade dort ins Spiel bringen, wo sie vermeintlich zurückgewiesen werden. Eine systematische Untersuchung des Phänomens liegt bislang jedoch noch nicht vor. Das interdisziplinäre Projekt erschließt mit geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Methoden erstmals die überraschende, bis in die Aufklärung reichende historische Tiefe des Sprechens über Guilty Pleasures.
Was als ein Produkt der sich ausdifferenzierenden Konsumkultur des späten 20. Jahrhunderts erscheint, zeigt sich nämlich als wesentlich älteres Phänomen: Im Projekt erhält es eine Genealogie, um zu ergründen, was bei Konjunkturen von Guilty Pleasures auf dem Spiel stand und steht. Durch literatur-, sozial- und geschichtswissenschaftliche Methoden werden die Beziehungen zwischen Werturteilen, Konsum und Affekten seit 1700 bis heute rekonstruiert. Die zentrale These lautet, dass Diskurse um Guilty Pleasures untrennbar mit kulturellem Wandel, epistemischen Konflikten und sich verändernden sozialen Hierarchien verbunden sind – und ihre Untersuchung deshalb auch erlaubt, ein neues Licht auf eine Gegenwart zu werfen, in der angesichts von Populismus und Klimawandel die Rede von Guilty Pleasures ihre Unschuld verloren zu haben scheint.
Die Ergebnisse erscheinen fortlaufend in einer Reihe von Kolumnen – einem Format, das für Debatten um Guilty Pleasures seit jeher wesentlich war. Zudem werden Erkenntnisse in einem öffentlichen Workshop diskutiert und abschließend in wissenschaftlichen Publikationen systematisiert.
PUBLIKATIONEN:
Phillips, Roxanne (2025): Uneasy Pleasures. On Enjoyment and Discomfort, in: KWI-BLOG, 05.03.2025.
Buckermann, Paul (2024): Guilty Pleasures as Conspicuous Consumption? Cultural Omnivores, Snobbery, and the Distinguished Taste for Authentic Trash, in: KWI-BLOG, 09.12.2024.
VERANSTALTUNGEN UND PRÄSENTATIONEN:
“Towards a Genealogy of Guilty Pleasures. Performing Reflexive Consumption“, Vortrag von Paul Buckermann und Morten Paul beim Kick-Off „Open Up“ der VolkswagenStiftung (5. März 2026)